Wochenbericht der zwei Minitiger oder – Emmy entdeckt die Zivilisation

Genau, das war gestern, also Freitagabends, wo ich nicht auf die Uhr sehen muss und ganz entspannt die Augen irgendwann zufallen lassen kann.

Die Minitiger hatten Ausgang, den bekommen sie nun immer, wenn sich ein Zweibeiner, also eine Aufsichtsperson, in der Wohnung aufhält. Man weiß ja nie so genau, was jungem, wild gewachsenem Gemüse so durch den Kopf – oder durch die Gedärme – schießt.
Mittlerweile sind die ersten Portionen Baycox und Panacur intus, und die Häufchen verfestigten sich erfolgreich. Nur gestern, gestern klauten sie Schneckchen die Reste aus dem Napf und da Schneckchen weniger als ein Spatz isst, war das anscheinend zu viel für die Minitiger. Schneckchens Napf musste sofort mit heißem Wasser gespült werden, denn das fehlt mir noch, dass sich Kokzidien auf die alte Dame übertragen.

Ich hab’s danach regelrecht verpennt, da mir auf dem Sofa Planmäßig die Augen zufielen und die Minitiger weiterhin ihren Ausgang (aus)nutzten. Jedenfalls war der Samstagvormittag ausgefüllt, mit Decken waschen und putzen. Sie hatten wieder einmal den Hundekorb genutzt, der eine Etage tiefer steht, oder sich wieder einmal verlaufen, die Orientierung verloren, die eigenen Toiletten nicht gefunden… was weiß ich. Inzwischen verfestigte Häufchen waren wieder einmal zu dünnen und kompliziert zu entfernenden, kleinen Fladen geworden.
Na ja, es kann nur besser werden. Positives Denken!

Heute gibt es aufgrund dessen nur Calm von Royal Canin, das Christine für die Minitiger spendete. Danke, Christine!

Abgesehen davon, fing Emmy gestern zum ersten Mal an öffentlich zu spielen. Ich sage deshalb öffentlich, weil ein Mensch anwesend war. Bisher war es so, dass Maxi sie aufforderte und beide wie wilde Hummeln im ehemaligen Büro herum rannten, ehemals wichtige Dinge von den Regalen warfen, sich gegenseitig auflauerten und spielerisch bekämpften.

Für das ebenfalls ehemalige wilde Schneckchen nutze ich eine Reitgerte, an die ich einen variablen Wollfaden knotete, an dem eine klappernde Spielmaus befestigt ist. Je nach Laune und Zustand liebt es selbst eine alte Katze, diese Maus zu jagen. Wenn sie sehen kann, wer ein Spielzeug lenkt, wird es sofort uninteressant.

Somit auch perfekt für die Gleichgesinnte Emmy.

Bisher bleibt Emmy bei ihrer ureigensten Überzeugung, dass Mensch nur wichtig ist, wenn er einen Teller in der Hand hält oder Katzenpudding an seinen Fingern  klebt.

Bisher mochte sie nicht einmal meinen Geruch. Tja, das stellte ich fest, weil Maxi und Emmy immer im Wäschekorb liegen. Dort liegt (zur Sicherheit gegen Unreinheit) die Badematte drin und logischerweise schmutzige Wäsche, denn der Alltag lässt sich nicht stoppen. Sie könnten auch in ihrer offenen Transportbox oder in der Höhle ihres Kratzbaumes schlafen – aber nein, das ist von Menschengehirnen erdacht worden und einfach nur doof.
Zuoberst lag seit Montag einer meiner Pullover im Korb, und Maxi mittendrin. Emmy hockte stur hinter der Waschmaschine.
Entweder wurde es ihr auf den Fliesen zu ungemütlich oder sie begann zu akzeptieren… oder hält seitdem die Luft an. Jedenfalls lag sie seit Mittwoch neben Maxi im Korb, auf meinem rosafarbenen Pullover.
Die Entwicklung schreitet voran und es ist abzusehen, wie Maxi und Emmy als Katzendamen einmal aussehen werden. Maxi hat bereits jetzt die Statur eines Geparden, lange Gliedmaßen und einen schmalen Körper. Emmy, der kleine Schatz, wird ein wenig gedrungen bleiben, sie ist eine Überlebenskämpferin mit flusigem Fell und wird sehr wahrscheinlich immer Hunger haben. Aber einen treuen Blick hat sie, obwohl sie sich so zurückhaltend gibt. Da beide, sobald sie sich der Treppe nähern, von Hündin Gipsy (falls anwesend) angebellt werden, ist ihr Bereich die obere Etage, denn Schneckchen, die diesen Bereich aufgrund des Bellens längst akzeptierte, nimmt man mit Links. Zumindest Maxi, die absolut keinen Respekt vor einer älteren Dame zeigt. Emmy akzeptiert Schneckchen seit dem vergangenen gegenseitigen Fauch – Austausch. Sie versucht zwar auch das Futter zu stehlen, aber nur wenn Schneckchen nicht hin sieht.

Maxi ist ein so genannter Sonnenschein und der Schalk blitzt förmlich aus ihren Augen. Man kann sie kurzzeitig auf den Arm nehmen, doch dann springt sie in Windeseile wieder herunter. Anschließend wirft sie sich auf den Boden und will weiter beachtet werden.

Zum Schluss der Baum, der nun völlig kahl dasteht und ankündigt: Es kommt der Winter, die harte Zeit.

Wie immer Danke für Eure Aufmerksamkeit und Grüße von den Minitigern, die um diese Zeit zum Leben erwachen.

 

Katze Knubbi

Zwiegespräch mit einer Seelenverwandten

Der 21.02. wird mir immer in Erinnerung bleiben. Der Tag, an dem ich dich verlor.

Wie es passierte wird ein Rätsel bleiben – bis zu dem Moment in dem wir uns wieder sehen. Dann wirst du mir Details mitteilen und es wird zu spät sein, um noch wütender auf die Menschheit allgemein oder Raser im speziellen zu werden.

Du willst es so – ich weiß.

Du hast es geplant, da es dermaßen und unglaublich viele Zufälle auf einmal nicht geben kann. Alles passte perfekt und ich fand dich dreizehn Stunden später, nachdem ich dich guten Gewissens verlassen hatte. Ich sollte dich finden und auch die anschließenden Tage, in denen ich dich mitnahm, dich trug und verabschiedete, wie eine Schimpansenmutter ihr totes Baby, sie sollten so ablaufen.

Das war dein Wille, und deine Entscheidung war richtig.

Ich bewundere, akzeptiere und respektiere sie dankbar, wie dich und dein Leben. Du hast mich gelenkt, ich durfte lernen – und verlor den Boden unter den Füssen.

Beinahe drei Jahre sind entweder lang oder erscheinen kurz. Das empfindet ein Mensch, wie ich es einer bin. Fast drei Jahre gegenseitiges Verständnis, Trost, entspannte Stunden, Fürsorge, Hilfe und Kommunikation ohne überflüssige Worte, sind für eine Katze vielleicht nur ein Zwischenstopp, oder ebenfalls ein Lebensabschnitt. Das konnte ich dich nicht mehr fragen, darüber dachte ich bis dahin nicht nach. Leider verpasste ich es.

Mir hat unsere Zeit sehr viel gegeben und auch das weißt Du.

In der Fabrik wurdest du geboren, die Fabrik, die nach Jahren abgerissen wurde und euch hinterließ. Zu zwölft oder noch mehr ward ihr, lebtet auf dem riesigen Gelände, was bald grün verwilderte und wurdet recht gut versorgt. Das weiß ich von dir und mit der Zeit bestätigten es auch Mitarbeiter der Stadtwerke, Angler, Tierfreunde und Hafenarbeiter. Sie kamen nicht regelmäßig, hatten aber immer etwas dabei – außer euer „Papa“.

Er kam täglich mit seinem Roller angefahren, bei Wind und Wetter. Sobald ihr die Geräusche des Rollers hörtet, war konkrete Essenszeit angesagt. Pünktlich um 9.00Uhr. Beinahe sechs Jahre lang und immer noch.

„Papa“ bekam mit, wie die Zeiten sich änderten und euch das Leben erschwerten. Euch das Leben und ihm das Herz. Er alleine konnte nur zusehen, wie die mittlerweile optimal verwilderte Grünfläche, die euch einen sicheren Unterschlupf und zusätzliche Nahrung bot, rigoros  beseitigt, planiert und geteert wurde. Alles im Sinne der Menschen und dem Kommerz zugute kommend. Sobald die ersten Gebäude abgerissen worden waren, fehlten vier von Euch und Ihr ward nur noch acht Überlebende, acht Standfeste, acht Treue… wie auch immer man euch bezeichnen will. Wohin vier verschwanden, weißt nur du.

Das war der Zeitpunkt, als wir uns trafen. Eine einzelne umzäunte Halle war übrig geblieben und darin entdeckte ich von außen „Blümchen“. Ja, das Paar, das samstags immer zu euch kam, die nannten deine dreifarbige Freundin „Blümchen.“.

Von diesen Leuten wusste ich damals noch nichts und auch von euch wusste ich  nichts. Ich ahnte lediglich, dass Hilfe benötigt wird und informierte den Tierschutzverein. Das war nicht lustig, Knubbi, nicht wahr? Ihr wurdet in Fallen gelockt die das Beste wollten, doch stellte sich heraus, dass ihr alle bereits kastriert worden ward. Die nötige sichtbare Kennzeichnung fehlte.. Irgendeine von euch hatte einen Nabelbruch, der dadurch behandelt werden konnte, doch  verlor die zuständige Frau den Überblick und konnte die betreffende nicht nennen.  Pumuckl, ganz wichtig, und  ihre Kinder, die sie laut Tierarzt  kurz zuvor zur Welt gebracht haben musste. Niemand hatte Pumuckls Trächtigkeit bemerkt.

Übers Wochenende musste sie beim Tierarzt verbleiben. Beinahe drei Tage lang kümmerte sich niemand um ihre Jungen. Wer konnte das ahnen? Ich war wütend. Warum verstand euch niemand?

Vorab machten sich die Menschen gemeinsam Gedanken – Wohin mit euch? Wir alle zusammen kamen auf den gemeinsamen Nenner: Im Grunde geht es euch gut. Wenn die Versorgung stimmt, kann es keinen besseren Platz geben. Wenig Verkehr, Wasser im Fluss, Freiheit ohne Ende. Jede von Euch wurde dort mit gutem Gewissen wieder frei gelassen, jede von euch nun regelmäßig versorgt.

Nach Tagen, in denen Pumuckl frei gelassen worden war, beobachtete jeder mit Aufmerksamkeit und schon bald sah ich Pumuckl mit ihren zwei Kindern. Versteckt unter der Hecke, die anschließend vorübergehend dein Platz wurde. Schwarzweiß und dreifarbig, so kunterbunt waren Pumuckls Kinder. So kunterbunt wie sie und auch gleichfarbig wie ihr schwarzweißer Vater, den „Papa“ kurz darauf vergiftet auffand. Er, der ältere Mann, kletterte über das große Tor der Firma, nahm euren Freund mit und begrub ihn an seinem Hafen. Mit Sicherheit gemeinsam mit Tränen, doch was konnte er mehr tun? Was konnten wir alle verbessern?

Das Gelände war nicht umsonst aufwändig planiert worden. Wie dumm, mit dem Guten zu rechnen. Hinter jeder Aktion stecken Köpfe und jene Köpfe vermieteten den Platz an einen Zirkus. Der ganze Platz wurde gefüllt mit Zelten, Zäunen und Parkplätzen.

Das Spektakel war selbst den Fernsehleuten ein Bericht wert.

Niemand sah euch!

In dieser Zeit gab es lediglich eine positive Nachricht. Pumuckls Kinder konnten schnell gefangen und bald darauf vermittelt werden.

Weißt du noch?

Nach einem Monat baute der Zirkus seine Zelte wieder ab.  Da man nur noch von Zäunen umgeben war die euch Sicherheit gaben und abgrenzten, war es schwer einzuschätzen und eine Zahl kaum zu nennen. Eingehaltene Zeiten gab es von eurer Seite verständlicherweise nicht mehr. Aber es fehlten anschließend wiederum vier, vier  deiner Freunde und darunter auch „Blümchen.“ Es tat weh, da man anders hätte reagieren müssen, doch Tierschutz und Kommerz sprechen nicht dieselbe Sprache. Vorausahnung ist kaum jemandem gegeben.

Wo waren deine Freunde? Hatten wir alles falsch gemacht?

Wir waren traurig, verzweifelt, niedergeschlagen, enttäuscht und irgendwie gefangen. Gefangen, weil die Gegenseite grundsätzlich stärker sein wird. Was wollen zwei, euch verstehende Menschen, gegen ein städtisches Amt unternehmen? Es wurde viel versucht, sogar darauf eingegangen, doch sobald die Wirtschaft ins Spiel kommt sind Versprechungen schnell vergessen. Wir starteten wiederholt und bauten ein Futterhaus, nachdem wir inständig gebeten hatten es dort, in dem von euch erwählten  Revier, aufstellen zu dürfen. Man musste erst Mitarbeiter kennen lernen, die es „unter der Hand“ erlaubten. Ein langer Weg, für solch eine banale Kleinigkeit auf einem ungenutzten Platz. Das Futterhaus wurde nun regelmäßig mit Wasser, Essen bestückt und sogar bei Regen gab es euch Schutz. Eine ruhige Zeit folgte, in der die damalige Entscheidung trotz allem als richtig empfunden wurde und jene  Zeit folgte, in der wir beide uns anfreundeten.

Du Knubbi, hattest eine starke Erkältung und ich besorgte Mittel dagegen. Sechs Tabletten, die du unglaublich geduldig zu dir nahmst. Die letzte, es ging dir schon längst wieder gut, feierten wir mit einem ganz besonderen Essen. Nur wir beide. Der erste Vertrauensbeweis anschließend war, dass du mir die Hand lecktest. Du, der man bis dahin nicht einmal in die Augen blicken durfte.

Wie lange dauerte der gute Zustand, was meinst du? Ich meine beinahe ein Jahr, ich vergesse so schnell. Du, Micky, Pumuckl und die kleine Schnecke, mehr waren nicht übrig geblieben.

Die Halle stand noch. Sie wurde 2007 durch den Sturm „Kyrill“ heftig   gebeutelt, aber das  interessierte niemanden, auch nicht, dass die verbliebenen Fenster nachts geklaut wurden. Wir hatten in der Halle zwei Strohballen auseinandergerupft hinein gelegt und ihr nutztet es gerne, das sah ich an den Kuhlen die im Stroh waren. Bis zu der Nacht in der das Stroh angezündet worden war. Nur Micky ging noch mutig hinein, er ist schließlich auch der einzige übrig gebliebene Kater und kennt keine Angst. Zumindest zeigt er sie nicht.

Erneute Veränderung war angesagt, du verzogst dich auf die andere Straßenseite, hinter den Zaun aufs dortige Firmengelände, die kleine Schnecke lief nach dem Essen zum Ruderverein, und wir überlegten. Ich besorgte dir ein Katzenklo mit Deckel. Das einzige, was mir einfiel. Von außen umwickelt und festgeklebt mit schwarzer Teichfolie. Zum einen weil es unauffällig sein musste, zum anderen weil kein Wasser hinein dringen durfte. Auf den Boden kam eine Styroporplatte gegen Kälte, darauf Stroh und anschließend eine Lage Heu. Ja, mein Schatz, hat lange gedauert, ich dachte du nimmst deine Hütte nicht an. Aber dann kam der plötzliche Schauer  – und während ich noch neben dir stehe, mich mit dir unterhalte, flitzt du plötzlich durch dein Loch im Zaun und  springst in das Häuschen. Ich wurde patschnass, aber das war wie immer egal, denn ich freute mich unbändig!

Für unsere kleine Schnecke fragte ich offiziell beim Ruderverein, ob ich dort aufs Gelände eine nun getestete Hütte hinstellen dürfe. Nette Menschen agieren dort und es war ihnen egal. Solange Schneckchen die Boote nicht ankratzt, könne sie dort leben. Unsere winzig kleine Alte, die von euch immer unterdrückt wurde. Sie hat sich ihr sicheres Paradies geschaffen, mitsamt einer eigenen Hütte. Stur wie ein großer, kluger Esel.

So ging es weiter, mit täglichem Bangen, was nun wieder kommt. Wir saßen unzählige Stunden beieinander, ohne Worte, aber miteinander. Verpflichtungen gab es für mich nicht mehr, und wenn schob ich sie beiseite, es zählte nur noch Gemeinsamkeit, auf die wir uns freuten. Als meine Mutter starb, weißt du noch? Niemand konnte besser trösten als DU.

Eines Tages wurde der leere Platz gefüllt mit Fahrzeugen, die letzte Halle  abgerissen und es kam ein Verkehr auf, der in den schlimmsten Alpträumen nicht vorstellbar gewesen war. Die Autos wurden mit Transportern gebracht und geholt. Messerscharf standen sie regelmäßig vor eurem Schlupfloch im Zaun. Mein Herz setzte oft aus, wenn ich sah, wie nah diese Ungetüme euch kamen. Die Halle war fort, somit benötigte  auch Micky einen neuen Unterschlupf. Ich baute ihm eins, kletterte abends über den Zaun und stellte gleichzeitig einen Unterschlupf für Pumuckl hin.

Es kam zu ernsthaften Gedanken, die euren Aufenthalt betraf. Knubbi mit zu mir… Knubbi mit zu mir… für Micky und Pumuckl ein neues Zuhause mit Freiheit finden… das überlegte ich stündlich und wochenlang. Ich überlegte und suchte.  Überlegte ich zu lang?  Mein Gefühl dagegen wurde von dir bestätigt, du saßest hinter dem Zaun und zähltest die Autos, warst immer auf der Hut. Es machte dir Spaß, du wolltest nirgendwo anders hin. Es ging dir gut.

Dienstag oder Mittwoch war es, nicht wahr? An einem der Tage wurden die Autos komplett weg geschafft. Auf einen Schlag, wie durch Zauberhand geregelt, war wieder Ruhe angesagt und eine ganz schlimme Zeit glücklich und heile überstanden.

Nach all der Zeit, den vielen Katastrophen die gut durchstanden worden waren…

Von Freitag auf Samstag – kein Auto, kein Zirkus, keine Bauarbeiten, keine Veränderungen – nichts. Und doch ein einzelnes Fahrzeug, was innerhalb der über zehn Jahre jederzeit hätte vorbei kommen können. Es kam am 21.02.2009.

Nun müssen wir damit leben, zurecht kommen und haben eventuell vieles falsch gemacht, doch deine verbliebenen drei Freunde sollen darunter nicht leiden. Das willst auch du nicht, bist du  doch das Oberhaupt,  immer noch ständig bei ihnen. Micky, ich nannte ihn immer den Hafenkasper, weil er dich und Pumuckl gerne ärgerte, er ist kein Kasper mehr. Ich beobachte ihn nun oft, die Sonne scheint und er sitzt auf Dir. Dort, wo du nun liegst. Micky weiß das ganz genau. Er trauert, genau wie wir.

Wir sehen uns, meine beste Freundin, und vergiss nicht: Ich liebe dich, Knubbi.

Kater Roti – Geschichte von der Futterstelle

Roti, Katerchen oder auch Mikesch genannt, lebte an beschriebener Vorzeigefutterstelle.  Niemand konnte sagen, wie alt er war oder wie er dort hinkam. War er ebenfalls auf dem ehemaligen Bauernhof geboren worden oder vor Jahren zugewandert?

Die Antwort kannte nur er.

Als ich Katerchen kennen lernte, saß er wie so oft auf seinem Gartenhausdach, einem umgebauten Container, der bisher Menschen geruhsame Stunden ermöglicht hatte. Der Container war noch nicht entfernt worden, nachdem die Kleingärtner das Feld räumen mussten. Katerchen erwählte ihn zu seinem Zuhause, da er mit den anderen Artgenossen nichts zutun haben  wollte. Er war ein scheuer, misstrauischer Einzelgänger, der seine Ruhe haben wollte, und oft sah man ihn schlafend in der Sonne liegen. Da an diesem Gartenhaus ein Wanderweg entlang führt, kannten ihn viele Spaziergänger und Katerchen war berühmt, wie ein roter Kater in solch kleiner Welt nur sein kann. Einige brachten ihm Futter mit, das sie an den Eingang zum ehemaligen Kleingarten stellten, andere waren einfach nur beruhigt, wenn Roti wie  eine Koryphäe  anwesend war und weil sich die hektische Zeit dadurch nicht zu ändern schien.

Was viele genauso hinnahmen war, dass Katerchen um sein Leben kämpfte.

Ich sah ihn auf dem Dach sitzen, mit zusammen gekniffenen Augen, die halb bedeckt von seiner Nickhaut wurden, wie er nach Luft rang und  wie sein Röcheln  bereits auf zehn Meter Entfernung zu hören war. Sein linkes Ohr war verstümmelt und wenn er den Kopf schüttelte, hörte man, dass sich Flüssigkeit darin befinden musste. Sein Fell war mehr oder weniger verflilzt, was auf ein hohes Alter schließen ließ und eventuell auf Krankheit, somit keine Kraft, kein Interesse sich der Fellpflege zu widmen.

Da ich  mich aus einem anderen Grund mit Mitgliedern des dortigen Tierschutzvereines treffen musste, fragte ich gleichzeitig, woran dieser Kater leidet. Das konnte niemand beantworten, und mit diesen Beschwerden würde er bereits um die fünf Jahre zurecht kommen. Das wäre jetzt noch gar nichts, das müsse ich erst einmal im Winter erleben! Aber die Natur würde es schon richten.

Ich staunte nicht schlecht, ob dieser Ansichtsweise…

Die Natur würde es richten, wohl wahr, aber nur wenn ein Lebewesen in dem Moment keine Nahrung  finden würde. Katerchen war nicht mehr fähig auch nur eine Maus zu fangen, doch er wurde von Menschen gefüttert. Zwar mehr schlecht als recht, aber Katerchen überlebte.

Warum brachte man ihn nicht zu einem Tierarzt?

„Weil er einen Einfang nicht überleben würde.“

Warum ging ein bekannter Tierarzt nicht mal dort spazieren und machte freundlicherweise eine Ferndiagnose?

„Das macht keiner.“

Aha…

Ich bekam das Bild dieses armseligen und doch so stolzen Tieres nicht aus dem Kopf und fragte hin und her, doch erntete ich lediglich Schulterzucken.

Nach Erklärung der Symptome wiegte auch mein Tierarzt seinen Kopf hin und her.

„Schwer zu sagen“, meinte er, „da es auch Asthma sein kann, worunter dieses Tier leidet. Herbringen wäre am besten, aber schon klar, es wäre sinnlos, da ein Einfang Stress bedeutet und die  Atemlosigkeit zu gänzlichem Stillstand führen könnte. Verschlechtern kann man nicht. Es könnte auch eine chronische Bronchitis sein, wegen Flüssigkeitsansammlung im Ohr, also probieren sie Cleorobe. Ein lösendes, befreiendes und schmerzlinderndes Mittel, das auch in der menschlichen Zahnheilkunde erfolgreich angewendet wird.“

Und somit nahm ich sechzehn Kapseln mit, die einmal am Tag verabreicht werden sollten.

Ich richtete es ein, täglich bei Katerchen vorbei sehen zu können und ihn zu füttern. Er liebte Fisch, was ein gutes Zeichen für Medikamente bedeutet, da speziell Sardinen jeden Beigeschmack übertünchen. Nachdem er die Zeiten kannte, war er es gewohnt und freute sich. Er röchelte und rieb seinen Kopf  am Zaun, an Holz, auf seiner kleinen Brücke, auf der er entlang ging und von dort aus auf das Gartenhaus springen konnte. Das alles schaffte er noch, auch Eindringlingen konnte er noch zeigen, wer der Herr im Revier ist.

Somit machten wir uns ans Werk, Katerchen und ich. Eine Kapsel täglich wurde geöffnet und der wertvolle, bittere Inhalt auf den ersten Teil eines schmackhaften Futters oder in geliebte Katzenmilch  gestreut, untergemengt und von weitem gereicht. Er brauchte Abstand, niemand durfte im zu nahe treten, und sobald Katerchen diese kleine Menge geschluckt hatte, gab es Nachschub ohne bitteren Beigeschmack.

Er war  Genügsamkeit gewohnt und somit wurden unsere Zeiten zu Highlights. Anfangs, nach ungefähr sechs Kapseln,  war ich verzweifelt, denn es gab Tage an denen Katerchen vor lauter Husten und Keuchen nichts zu sich nehmen konnte. Es tat in der Seele weh und ich fragte mich, wie manch Tierschützer bereits Jahre zusehen konnten, ohne sich zu bewegen und ohne zumindest zu versuchen eine Linderung zu schaffen.

An solchen Tagen musste halt abends noch einmal versucht werden und auch das funktionierte. Zwar lag Katerchen dann  schon oft in seiner Styroporkiste und wurde durch mein Auftauchen heraus gescheucht, aber er rannte nicht davon, sondern  schien zu spüren, dass ihm geholfen wird  und probierte und schluckte seine Medizin.

Sechzehn Tage, sechzehn  Mal Pünktlichkeit und es wurde belohnt! Nicht von jetzt auf gleich, aber nach einer Woche ohne Medikament konnte Katerchen tatsächlich freier atmen, an vielen Tagen völlig ohne Nebengeräusche, nur bei Regen zeigte er Rückfälle. Diese „Kur“ konnte ihn nicht heilen, aber sie schaffte  Erleichterung und somit ein entspannteres Leben. Die Gabe wurde von nun an  in jedem Oktober wiederholt, wobei mir die tägliche Versorgerin bei den nächsten Verabreichungen zuverlässig half.

Winter 2008/2009, wirklich zwei harte Winter mit  lang andauernder Kälte.  Katerchen steckte sie  locker weg, zumal er in seinem eigenen Gartenhaus, was wir inzwischen einfach geöffnet hatten, nun auch Strohballen, Decken und  Unterschlupf  nutzen konnte. Und das tat er, denn  so wild er auch schien, so sehr liebte er die angenehmen Dinge. Im Laufe der Zeit wurde Roti mit staunender Aufmerksamkeit bedacht, von einigen, die ihn bereits abgeschrieben hatten.

Im Juli 2010 war es, als der Hund eines  Spaziergängers ihn fand. Auf Katerchens großer, weiter,  wild bewachsener Lieblingswiese, wo er ebenfalls oft in der Sonne saß. Nachdem er zwei Wochen lang vermisst wurde, während einer extremen Hitze.

Ich hoffe, die Natur konnte es ohne Schmerzen richten.

Mach es gut, und bis dann, mein bemerkenswerter Kämpfer

Sabine