Katze Hermine (Teil 4)

Hermine und ich fuhren somit wieder nach Hause. Nun wusste ich, was in ihr steckt und stand vor einem weiteren Problem. Wie sollte ich sie aus diesem geliehenen Kennel, der lediglich von Oben zu öffnen ist, hinein in den Käfig bugsieren? Ein erneutes Anfassen wollte ich weder ihr noch mir zumuten. Somit funktionierte wieder einmal lediglich die brutale, auf möglichst sanfte Art  zelebrierte Weise: Ausschütten, wie die Katze aus dem Sack. Es ging gut, der gewohnte Transportkorb stand bereit, Hermine schien einfach nur die Nase voll zu haben und kroch hinein.

Von diesem Moment an baute sie ab. Sie schaffte es nicht mehr aufs Katzenklo, sie machte Pipi auf ein Handtuch. Futter rührte sie gar nicht mehr an und schien nur noch zu schlafen. Sie drehte sich von links nach rechts, sie lebte, aber wie sollte man weiter verfahren? Schlief sie, weil sie sich erholen musste oder schlief sie, weil sie eines der Mittel nicht vertrug?

Am Freitag brachte ich den Tierarzttransportkorb zurück und wir sprachen über diese Symptome. „Bis Montag abwarten, es kann sein, dass die Katze sich ausgepowert hat, war schließlich ein Kampf und kostete Kraft.“

Ich wartete, was anderes blieb mir nicht übrig. Am Samstag wurde ich unruhig oder ungeduldig, das kann man sehen wie man will. Jedenfalls klappte ich die Box auf und hob Hermine heraus. Zwar war ich auf einen Angriff ihrerseits vorbereitet, aber es war mir egal. Hermine war total schlapp, sie wehrte sich nicht einmal mehr. Ich legte sie auf meinen Schoß und reinigte ihr zum ersten Mal die verkrusteten Augen. „Mädchen, komm, es wird schon wieder.“  Hermine ließ sich streicheln, aber nur aufgrund ihres Zustandes. Ich flößte ihr mit einer Spritze Wasser und Joghurt ein. Weiter wollte ich sie nicht belästigen und legte sie ohne Versteckmöglichkeit in den Käfig. Dort legte sie sich sofort auf die bereit gelegte Decke und schloss die Augen. Weiterhin war das Handtuch, das ein paar Schritte entfernt lag, von Pipi durchtränkt. Es war mir egal, kann man waschen und einerseits ein gutes Zeichen, da sie überhaupt urinierte, aber kein Vergleich mehr zu ihrer Sauberkeit vom ersten Tag an. Ein Häufchen machte sie überhaupt nicht – aber wovon auch?

Samstagabend dachte ich, es geht zu Ende. Ich schickte eine sms an Dr. Brinkmann – Block, wollte einfach nur eine Fachmeinung lesen. Sie schrieb zurück: „Bitte abwarten.“

Ich nahm eine Gartenliegeauflage, ein Kopfkissen, Decke und legte mich neben den Käfig. Zumindest sollte diese Katze nicht alleine sein, wenn es soweit wäre. Vorher überlegte ich noch zur Tierklinik zu fahren, aber weiterer Stress? Und vor allem wusste ich nicht genau zu deklarieren, welche Mittel Hermine injiziert worden waren. Ich nahm das Gitter des Käfigs ab und legte meine Hand auf Hermine. Sie schnurrte, wie sie bei den vergangenen Berührungen im Tiefschlaf oder Koma immer geschnurrt hatte. Ich streichelte immer weiter, nickte zwischendurch immer wieder ein und hörte irgendwann ein leises Trapsen hinter mir. Bella war ins Zimmer gekommen und legte sich neben uns. Ein Glas Wasser mit einer Spritze hatte ich bereitgestellt und flößte Hermine immer dann, wenn ich wegen Knochenweh wach wurde, ein paar Tropfen Wasser ein. Soweit waren wir gekommen, denn Hermines Kopf lag nun machtlos in meiner Hand. Aber sie schluckte tapfer und im Laufe der Nacht nahm sie eine Menge Wassertropfen zu sich. Man kann es nun poetisch ausdrücken und das tue ich auch, denn als der Morgen dämmerte und die ersten Vögel ihren Frühlingsgesang in die noch dunkle Welt schickten, da hob Hermine den Kopf, sah mich bewusst an … und fauchte!

Ich freute mich so sehr und Schlafmangel geriet in Vergessenheit. Hermine hatte das Schlimmste überstanden und ihre Wildheit war zum Leben erwacht! Am Sonntag mochte sie sogar wieder eine Kleinigkeit essen und im Katzenklo fabrizierte sie ein Häufchen. Ich freute mich wie der sprichwörtliche Bolle – und das über ein Häufchen … unvorstellbar für viele.

Fortsetzung folgt.

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4 Kommentare zu “Katze Hermine (Teil 4)

  1. als der Morgen dämmerte und die ersten Vögel ihren Frühlingsgesang in die noch dunkle Welt schickten, da hob Hermine den Kopf, sah mich bewusst an … und fauchte!

    …und das war Musik in deinen Ohren. Herrlich, das nur lesen zu können, wie muss es Dir da gegangen sein.Lohn aller Mühe…
    Ich glaube, ohne Deinen nächtlichen Einsatz wäre die gestorben. Bei Katzen versagen sehr schnell die Nieren, wenn die nichts fressen, trinken…

  2. Meine Güte, Du solltest wirklich Krimis schreiben. Die Kurzversionen sind schon ziemlich gut. 😉
    Aber ich kann es Dir nachempfinden, wie man sich über ein Häufchen freuen kann.

  3. Stimmt, eventuell war es das Wasser, Bettina. Manchmal tut man Dinge ohne fachliche Anweisung, und die sind sogar richtig. Viel Hoffnung hatte ich nicht, da ich erfahrungsgemäß mit solchen Momenten Pech habe.

    Katja, wie war das? Das Leben schreibt nicht nur die besten Geschichten, auch Krimis sind wesentlich authentischer, wenn sie aus der Wahrheit bestehen.

    Lieben Dank an Euch!

  4. Einmalig schön, dass Hermine diesen Tiefpunkt mit deiner Hilfe überwinden konnte! Da freut man sich sogar über ein abweisendes Fauchen… von der Freude über ein Häufchen ganz zu schweigen.
    Ich wünsche Hermine von Herzen, dass sie es packt und bei dir noch einen möglichst entspannten Lebensabend haben darf. Ich denke, der Charlie-Stress ist für sie eine relative Kleinigkeit im Vergleich mit dem Überlebenskampf, den sie bisher hat führen müssen. Wenn seine Mama Hermine akzeptiert – vielleicht besinnt er sich dann auch eines Besseren…? Ich hoffe es! Und drücke euch ganz ganz fest die Daumen!

    Liebe Grüße von Christina

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