Alaaf und Helau

Zugegeben, der Titel ist irreführend, da ich mit Karneval nichts am Hut habe. Ich weiß,  letzter Ausraster, Austoben vor der Fastenzeit, aber erstens konnte ich nie nachvollziehen, wie Menschen, die das restliche Jahr über  ziemlich stur und unflexibel scheinen, sich auf Knopfdruck in Partylaune versetzen können, und zweitens würde mir eine Fastenzeit eventuell gar nicht gut tun. Wie dem auch sei, jedem seinen Spaß!

Gestern sah ich eine Taube aufgeplustert zwischen parkenden Autos sitzen. Ihr ging es allem Anschein nach gar nicht gut und ihr Platz war lebensgefährlich gewählt. Ich hielt an und versuchte sie zu fassen, um sie mit nach Hause zu nehmen oder in die Hände der Stadttiere e.V. zu geben. Meist ist das ein sinnloser Versuch, da krankem Gefieder nur selten geholfen werden kann und  in solchen Momenten oft der Natur freien Lauf gelassen werden sollte, so hart das auch klingt.

Aber es gibt eben auch hoffnungsvolle Fälle, wie diese Taube.  Ein Einfangen funktionierte  nicht, da das Tier noch fitt genug war um einige Meter davon zu fliegen und das immer wieder. Sie flog letztendlich unter abgestellte Bahnwagons an die ich nicht herankam, wo sie allerdings in einer Wiese saß und Meter weit weg von der Straße. Mehr konnte ich nicht tun, lediglich Vogelfutter, das ich für die morgens wartende Amsel stets dabei habe, auf eine Fläche streuen. Es war definitiv eine Brieftaube, was die Sorge um sie weder verminderte noch erhöhte. Aber sie ließ mir keine Ruhe und heute morgen sah ich sofort nach und die Taube hockte am selben Platz, was ein Wunder war, da wirklich kranke Tiere naturgemäß schnell beseitigt werden, sei es von Ratten oder Greifvögeln. Sie sollte somit weiterleben und saß immer noch an der selben Stelle, auf der sicheren Seite. Sie musste mittlerweile allerdings so sehr geschwächt sein, dass ich sie heute zu fassen bekommen würde. In dem Moment, während der Arbeit, hatte ich keine Zeit, war allerdings guter Dinge, dass die Taube nach all diesen Stunden auch noch ein paar Minuten Zeit erleben würde.

Völlig falsch gedacht und wieder dazugelernt!

Ich gebe mir die Schuld, denn nachdem ich alles andere erledigt hatte, fuhr ich durch diese Straße und bereits aus der Ferne sah ich etwas auf der Fahrbahn liegen.

Es war die Taube.

Sie lebte noch, was die Situation verschlimmerte und meine Vorwürfe weiterhin verschlimmert. Es kann nur ein Fahrzeug vor mir gewesen sein – Sekunden lagen dazwischen. Die Taube lag nun mitten auf der Fahrbahn, ihr Kopf stand aufrecht, nickte Auf und Ab. Blut tropfte aus Augen und Schnabel. Sie wollte sterben, aber es ging nicht.

Ich hob sie auf, legte sie in meinen Arm und fuhr zur Tierklinik, wo ich sie erlösen ließ. Dort gab es noch eine kurze Unterhaltung, was manche Brieftaubenhalter/Züchter anbelangt. Einige interessiert es nicht, wenn sein Tier verstorben ist, und dennoch wollte sich  die Klinik um die Besitzer der Nummer kümmern. Das Resultat werde ich nicht erfahren und es interessiert mich auch nicht, denn ich hätte früher reagieren müssen.

Morgen werde ich mir einen Kescher anschaffen, das ist jetzt endgültig das letzte Zeichen, was ich bekam.

4 Kommentare zu “Alaaf und Helau

  1. Ach, Sabinchen, dass tut mir so leid.
    Mach Dir bitte keine Vorwürfe und fühle Dich nicht schuldig oder gar verantwortlich für das, was geschehen ist. Denn es ist weder Deine Schuld, noch in Deiner Verantwortung gewesen und Du weißt nicht, ob es am Ende nicht besser so gewesen ist.
    Du weißt nicht, ob alles Andere ihr Leid nicht nur verlängert hätte, da gibt es so viele Szenarien, die es durchzuspielen gilt.

    Vielleicht wollte sie Dir einfach nur einen Denkanstoß geben, Dir einen Kescher anzuschaffen und damit hat sie ihre Aufgabe erfüllt.

  2. Mir tut es auch leid. Ich habe auch mal eine Brieftaube gefunden und mit zur Arbeit genommen. Ich konnte sie ja nicht alleine zu Hause lassen, und sitzen lassen konnte ich sie auch nicht. Sie war vollkommen erschöpft. Ich habe sogar den Ring ablesen können und den Besitzer angerufen. Doch kurz bevor er da war ist sie gestorben. Wollte nichts essen und nichts trinken. Ich weiß nicht welcher Tod besser war. Gut oder Sinnvoll ist der Tod nie. Die arme Kleine tat mir auch so leid.Aber manchmal hat man keine Chance, oder egal was man tut, es war nicht genug. Du hast dich um sie gekümmert, nach ihr gesehen und wolltest ihr nach der Arbeit helfen. Das ist viel viel mehr als die meisten tun würden.

  3. Ich stimme Christine absolut zu.
    Es nützt nichts, sich das ganze Elend dieser Welt auf die Schultern lasten zu wollen – Du, Sabine, tust was Du kannst und das ist so viel mehr als es der allergrößte Teil der Bevölkerung hinbekommt!
    Suche bitte nicht immer irgendwelche Schuld bei Dir, wo es nicht einmal Schuld gibt.
    Ein Kescher ist dennoch eine sinnvolle Anschaffung, kann ich mir vorstellen. Am besten mal nach gebrauchtem Angelzubehör schauen?

  4. Ich danke Euch sehr und ja, Ihr habt Recht! Es ist nur niederschmetternd, wenn tatsächlich Sekunden dazwischen liegen.
    Ein Kescher gehört im Grunde zu jeder Notfallausrüstung. Die Taubenhilfe hatte mir mal die Dinge genannt, die jeder Tierretter dabei haben sollte/muss. Enorm viele Sachen …

    Nach Keschern schaute ich heute und mir schwebt ein „Multifunktionsteil“ vor , einerseits für Vögel und andererseits für verletzte Katzen geeignet. Umständlich zu transprtieren darf er aber auch nicht sein.
    Von 5 Euro bis zu 40 Euro gibt es eine Menge, aber ich werde mich kümmern und Euch informieren!

    Ganz lieben Dank!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s