Eine Geschichte

die nichts mit Vierbeinern zu tun hat, also mal ganz was anderes. Quasi zur Entspannung für Euch, am letzten Weihnachtstag des Jahres 2011, bei der man  nicht bangen muss: Hoffentlich geht die Sache gut aus.

Aber wer weiß, selbst Gebrauchsartikel können zum Leben erweckt werden:

Gelb und Rosa

© Sabine Rohm

Erfunden wurden wir von einem Herrn, namens Heinrich Sachs. Er kam im Jahre 1919 auf die Idee, aus Kupfer – und Silberdraht 0,9 mm dicke Klammern zu formen, die den Zweck erfüllen sollten Papierstapel zusammen zu halten. Briefklammern wurden wir damals genannt. Viele Jahre erfüllten meine Vorfahren ihre Pflicht. In der heutigen Zeit meistens Büroklammern genannt, durch Plastiküberzug oft farbig aufgemotzt, sind wir mittlerweile unentbehrlich geworden. Wir werden täglich gebraucht und wenn es nur darum geht, unauffällig einen nicht funktionierenden Reißverschluss zu ersetzen.

Das nur zur Vorgeschichte. Erzählen möchte ich hier von uns  Beiden. Von mir und meiner Freundin Rosa.

Kennen gelernt hatten wir uns bereits in der Fabrik. Wir lagen auf dem Fließband und fuhren rasend schnell aneinander vorbei. Wir waren die Kupferdrähte mit Kunststoffumhüllung  und  sollten innerhalb der nächsten Minuten zur Büroklammer geformt, eine poppige Farbe bekommen. Sie rosa, ich gelb. Als wir auf dem Fließband aneinander vorbei rollten, blickten wir uns nur kurz in die Augen. Wir wussten  nicht, was mit uns geschehen wird und waren sehr ängstlich. Aber wir waren uns in diesem Moment  einig: Wir gehören für immer zusammen.

Nachdem wir gelb und rosa gefärbt worden waren, wurden wir mit grün, blau, schwarz überzogenen Kupferdrähten, zu hundert an der Zahl, in eine durchsichtige Schachtel gepackt und in einen Karton gelegt. Der Karton wurde von außen zugeklebt und es wurde dunkel.

Es war schrecklich!

Die mittlerweile kunterbunt umhüllten Büroklammern gerieten allesamt in Panik.

„Hey, was ist hier los, was passiert mit uns?“, schrie eine der blauen.

„Ich kriege Platzangst!“, kreischte eine der grünen.

In dem Gewühl, wo sich jeder seinen Platz suchte, tastete ich mich an Rosa heran. Sie lag wie versteinert und ließ sich von den anderen überrollen.

„Rosa, hab keine Angst. Ich bin bei dir.“ Sie schmiegte sich an mich und beruhigte sich. So lagen wir wochenlang in der Dunkelheit.

Plötzlich wurde der Karton bewegt, und  in einem schaukelnden Etwas an einen unbekannten Ort gebracht. Der Karton wurde hin und her geschüttelt. Rosa und ich, wir klammerten uns aneinander um uns nicht zu verlieren. Schließlich hatte die Ungewissheit ein Ende. Der Deckel wurde geöffnet. Wir und hunderte andere, bunt überzogenen Kupferdrähte schlossen geblendet die Augen. Was passierte als Nächstes?

Eingeschlossen in unserer durchsichtigen Schachtel, wurden wir in einem Schreibwarengeschäft von einer jungen  Frau in ein Regal gelegt. Wir waren die vorletzte Packung  und konnten uns ausrechnen, wie viel Zeit uns gemeinsam noch bleiben würde.

„Was tun wir, wenn wir getrennt werden?“ fragte mich Rosa eines Tages. Es war ein warmer Frühlingsmorgen und wir hatten von unserem Regal direkten Blick aus dem Schaufenster. Die Bäume blühten, die Menschen auf der Strasse wirkten fröhlich, nur wir, so schien uns, hatten Angst vor einer ungewissen Zukunft.

„Mach dir keine Sorgen. Egal was geschieht, wir bleiben zusammen.“ Tränen liefen über meine gelbe Plastikhülle.

Monate vergingen. Mittlerweile hatten wir innerhalb der durchsichtigen Schachtel Freundschaften fürs Leben geschlossen. Wir schlossen Wetten untereinander ab, wer die älteste Büroklammer der Welt werden würde.  Tja, käme auf die Hände an, in die wir geraten würden. Und der Tag nahte.

Die Schachtel vor uns war verkauft worden. Ein älteres Ehepaar hatte sie erworben. Die Geschäftsinhaberin orderte bereits neue Drähte. Sollten diese noch nicht hergestellt worden sein, sie würden  spätestens morgen auf dem Fließband liegen. Wird nicht wehtun. Das wenigstens konnten wir zu den Erfahrungen der zukünftigen Büroklammern beitragen. Doch unsere Fröhlichkeit flachte ab. Bald waren wir an der Reihe. Wie das Schicksal es wollte, betrat am nächsten Morgen ein junger Mann das Geschäft. Was er benötigte, waren ausgerechnet: WIR!

Für nur ein paar Cent, erwarb er Flexibilität und Freundschaft fürs Leben, Verlust lediglich durch Eigenverschulden und Nachlässigkeit verursacht.

Wir gingen mit ihm. Was blieb uns auch anderes übrig? Wir gingen mit ihm, in seine chaotisch anmutende Junggesellen Behausung. Hundert Gedanken in einer durchsichtigen Schachtel verpackt, purzelten plötzlich durcheinander. Fürs Saubermachen schien hier niemand verantwortlich zu sein. Hey, wir könnten zufällig unter das Sofa fallen. Bis der sich eine neue Wohnung sucht, würden wir Monate, ach, vielleicht sogar Jahre vergnügt dort leben können. Oder unters Bett, hinter den Küchenschrank oder unter den Teppich. Niemand würde uns vermissen.

Wir lagen knapp daneben. Der junge Mann setzte sich mit uns an seinen Schreibtisch. Ein geschnörkelter Sekretär mit vielen Schubladen, aber mit Bergen von bisher ungeordneten Papieren, die sich darauf stapelten. Der junge Mann hatte anscheinend Großes vor und das große Zittern begann. Doch der  Mann schien unsicher. Er raufte sich die Haare, stand auf, ging in die Küche und kochte sich einen Kaffee. War das die Gelegenheit? Rosa und ich pressten uns eng aneinander. Nein, leider verpasst!

Der junge Mann kam aus der Küche, setzte halsbrecherisch eine volle, dampfende Kaffeetasse auf die ungeordneten Papiere, strich sich die Haare wieder glatt, atmete tief ein und aus, krempelte  die Ärmel seines Hemdes hoch und fing an zu sortieren. Er sortierte großzügig, griff ohne jegliche Sensibilität eine Klammer nach der anderen aus der Schachtel, heftete sie an die entsprechenden Seiten und murmelte: „Das Schreiben nach Australien, das nach Hamburg, diese Seiten nach London.“ Zwischendurch schlürfte er laut aus seiner Tasse.

Uns restlich verbliebenen Büroklammern packte die nackte Angst. Was war das für ein Mensch? Hatte er denn gar kein Mitleid? Er konnte uns doch nicht auseinander reißen und  in der Weltgeschichte verteilen! Doch, er konnte. Schließlich hatte er uns gekauft. Was sind denn ein paar billige, bunt überzogene Drähte?

Es klingelte.

Der junge Mann sprang vom Stuhl hoch und ging zur Wohnungstüre. Das reichte. Ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt, der jetzt funktionieren musste! Jeder Mensch kennt Büroklammern, die, oft benutzt, irgendwo herum liegen und unglaublich verzwickt miteinander verstrickt sind. Meistens fehlt die Zeit, diese unbegreifliche Logik der Verwickelung auseinander zu puzzeln. Darauf musste ich bauen!

Ein Geschäftspartner  kam ins Wohnzimmer um die ersten Papiere für den Rest der Welt abzuholen. Wir Freunde verabschiedeten uns auf die Schnelle voneinander und viele Tränen flossen. Doch ich musste an Rosa und mich denken. In Windeseile verwickelten wir uns miteinander, wir wussten anschließend Beide nicht mehr, wie wir das hinbekommen hatten und verhielten uns ruhig. Der Geschäftspartner hatte inzwischen mitsamt unserer Freunde die Wohnung verlassen. Der junge Mann setzte sich wieder an seinen Sekretär und sortierte die nächsten Papiere. Ein Stapel für Hongkong, ein Stapel für Oslo und so fort. Immer wieder griff er in die Schachtel.

Zwischendurch fasste er nach Rosa und mir, schüttelte uns ungeduldig und warf uns wieder zurück in die Schachtel. Stunden voller Angst vergingen nur langsam. Unser ehemaliges Zuhause war fast leer und viele Freunde verloren. Der Papierstapel war abgearbeitet und Rosa und ich oft geschüttelt worden.

Seit vielen, vielen Jahren leben wir nun mit vier übrig gebliebenen Freunden glücklich in einem Geheimfach des inzwischen mehrfach verkauften und mittlerweile antiken Sekretärs.

Uns geht es blendend und wir bedanken uns herzlich für Eure Aufmerksamkeit!

6 Kommentare zu “Eine Geschichte

  1. Ich liebe diese Geschichte!

    Ich ergänze sie mal mit einer Erinnerung:

    Ich bin ja zum Erstaunen der Leute, die mich aus der Kindheit kannten und eine Schauspielerin, eine Fotografin oder Malerin in mir vermuteten, mit Leib uns Seele Buchhalterin. Mir erzählen die Belege Geschichten, die Zahlen Bilanzen, die dafür notwendigen Gesetze Lebensmodelle bis hin zum Krimi. Mir ist richtige Buchhaltung spannend.
    Nach langer Zeit traf ich mich mit einer Schulfreundin, die Freundschaft auffrischen. Und sie hatte auch das – mir längst bekannte – wattn, du und Buchhaltung?
    Und ich erzählte ihr, dass das für mich nicht sture Zahlenkollonen sind und dass ich ein Büro liebe – es steckt voller Wunder. Allein schon eine Büroklammer, was für eine Erfindung! Draht etwas gebogen und im Nu hält er zusammen, was zusammen gehört, schafft eine Ordnung, die im Leben nur schwer zu erreichen ist und doch so ersehnt wird.
    Eine Frau am Nachbartisch schien sich davon gut unterhalten gefühlt zu haben, vermutlich war sie auch Büroarbeiterin.

  2. Gelb und Rosa, auch ich habe diese Geschichte so unheimlich gerne! Und irgendwie passt sie in diese Zeit, weil so viel drin steckt.

    Hatte viel Freude beim Lesen auf dem Blog.

  3. Danke, dass Ihr sie trotzdem noch einmal gelesen habt und stimmt, lang lang ist`s her.
    Das war und ist für mich immer wieder unfassbar, denn kein Mensch packt diese Dinger an und auf einmal scheinen sie zusammen zu kleben.
    Bettina, dann mal los, schreib ihn endlich, Deinen Zahlenkrimi! 😉

  4. Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, dass man mit schlechtem Gewissen am Schreibtisch im Büro sitzt, weil man gerade einen Schwung Dokumente in verschiedene Ordner verteilt hat, die man zuvor mit gelb, rosa, blau, schwarz und all den anderen zusammengefasst hat? Ich muss gerade stark an mich halten um nicht alle Büroklammern aus den Ordner zu rupfen und „Familienzusammenführung“ zu starten..!
    Also so was..! Könnt ihr doch nicht machen…
    ;o)

  5. Was sagt ein Büromensch wie ich zu dieser Geschichte?
    Eine Industriekauffrau ohne Beüroklammern? Undenkbar?
    Nö! Klar, ich besitze sie, im Büro wie auch zuhause aber ich benutze sie nicht gerne. Bei mir werden Papiere, die zusammengehören getackert. Stapel Papiere mit Büroklammern verkeilen sich irgendwie immer eineinander und das passt so gar nicht in meinen Ordnungssinn! 😉
    Aber! 😳 Bei mir liegen alle Büroklammern sortiert, eine Spinnerei von mir, ganz klar! Die Bunten für sich, die kupfer- und die silberfarbenen für sich.
    Quasie Rassentrennung, wird Sabine sicherlich gar nicht gefallen …
    Ach ja, Sabine, vielleicht schreibst Du demnächst etwas über die armen Fritzchen (die Tackerklammern), die haben doch nun wirklich ein grausames Leben, findest Du nicht? 😉
    Die Geschichte ist klasse und ich bin immer wieder erstaunt, wie Dir so etwas einfällt, ich dachte immer, ich hätte viel Phantasie, aber vergiss es! 😉

    Liebe Grüße,
    Sylvia

  6. Dankeschön, dass Katja und Sylvia ebenfalls gelesen haben und ihr persönliches Prozedere quasi nackig darstellten. 😉 Darüber spricht man (Frau) eher selten, nicht wahr?
    Ja, ja, die Fritzchen aus dem bösen, bösen Tacker …. das ist Zwangshaltung, stimmt. Muss ich mich mal näher mit befassen, obwohl ich berufsbedingt momentan nur noch wenig mit ihnen zutun habe. Mal schauen…

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