Brieftaube Fienchen

Es war in den vergangenen Wochen viel zu ruhig gewesen, deshalb musste ich Fienchen treffen.  Ich hielt aufgrund einer Lieferung vor einer Firmenschranke und da saß sie, neben Schranke und  Hauswand: Ein kleines Häufchen Elend in Form einer Taube.  Ich konnte mir ein flüchtiges Bild von der Firma machen und erkannte schnell, dass niemand dieses Tier zu sehen schien. Die Menschen gingen an ihr vorbei, als wenn sie unsichtbar wäre. Tauben gehören in diesem Gebiet zur Tagesordnung, weil aufgrund Mehlproduktion mit Getreide gehandhabt wird, aber mutieren die jeweiligen Mitarbeiter deshalb zu einer Maschine? Zu einem Roboter, der seinen monatlichen Verdienst mit Futtermittel verdient, sich über die Plage aufregt und das Ergebnis nicht sehen kann? Ist es zu umständlich, zu aufwändig, zu mühsam oder ist es einfach nur zu peinlich? Oder wird man abgebrüht, so dass man nichts mehr empfindet? Mal angenommen, es wäre eine „wertvolle“ Taube? Was würde dann passieren?

Fienchen jedenfalls saß in einer gefährlichen Zone und auch ich lese nicht jede Taube auf, die in einer Ecke sterben möchte. Aber wenn es Glasklar ist, dass der nächste Lkw dieses Tier überrollen werden wird, dann sollte man handeln. Oder kann einer der Roboter aus Erfahrung nachempfinden, welche Art des Todes angenehmer ist?

Ich ging auf  Fienchen zu, die sich ohne Abwehr in die Hand nehmen ließ. Sie kam aus Belgien, das war der einzige Hinweis, den einer der beiden Ringe gab. Ich füllte eine Schale mit Wasser, hielt ihren Schnabel hinein und sie trank und trank. Das war für den ersten Moment ein gutes Zeichen. Fienchen kam somit in die bewährten Postkisten und mit nach Hause in den Käfig. Sofort setzte sie sich in die Futterschale und hatte Interesse an den zahlreichen Körnern, aber sie schien bereits zu schwach.

Als erstes rief ich die Stadttiere e.V. an, konnte jedoch niemanden erreichen. Danach informierte mich beim Brieftaubenverband. Eine ordentliche Organisation, bei der man eine standortgemäße Postleitzahl eingeben muss und aufgelistet entscheiden kann, welchen Taubenschlagbesitzer in der Nähe man kontaktieren möchte. Ich entschied mich für Herrn K., der sogar erreichbar war. Nachdem ich ihm Fienchens Zustand beschrieben hatte, meinte er, dass man „so etwas“ besser da lässt. Als er  hörte, wie ich tief Luft holte, sagte er: „Ja, ja, ich weiß. Aber es wird nichts bringen und ein Belgier fährt wegen einer geschafften Taube keine zig Kilometer.“

„Mir egal“, antwortete ich, „ich tue hier irgendwie nur meine Pflicht, und an sie wende ich mich lediglich, weil es sich um eine Brieftaube handelt. Können sie der Taube helfen, ihren Besitzer ausfindig machen?“

„Nein, im Grunde nicht, das ist alles sehr kompliziert mit dem Ausland, aber ich  werde einen Kollegen fragen, der sie anrufen wird.“

Eine Stunde später meldete sich ein Herr B., der Fienchen aufnehmen wollte. Er kam sogar mit Transportkorb vorbei, aber als er das Häufchen sah, schüttelte er den Kopf.

„Zwar päppele ich zurzeit eine polnische Brieftaube auf und frage mich, wie die je nach Polen zurückkommen soll, aber sie pickt zumindest Körner. Die hier kann ja gar nichts mehr, die ist bereits bis auf die Knochen abgemagert.“

„Ja“, sagte ich, „schon klar, aber was machen sie mit dem Tier, wenn  sie es mitnehmen?“

„Es bekommt Taubenfutter und Wasser.“

„Keine Medikamente, in Form von Vitaminen oder ähnlichem?“

„Nein, ich bin kein Tierarzt.“

„Na, dann kann die Taube auch hier bleiben, ich werde es mit eingeweichten Haferflocken versuchen, Danke für ihre Mühe.“

Im Innersten hatte ich Bedenken, ihm Fienchen anzuvertrauen, da er von Verlusten sprach, die ein gutes „Rennpferd“ anrichten könne. Ich wollte nicht, dass ein Fremder Fienchen letztendlich den Hals umdrehte, sie sollte ihre eigene Entscheidung treffen können. Einen guten Hinweis konnte er jedoch geben, was die Botschaft des Ringes anbelangt. Belg 2011 bedeutet, dass die Taube in diesem Jahr geboren wurde und logisch, aus Belgien stammt. Mit der Nummer 2158938 konnte er ebenso nichts anfangen, sagte jedoch, dass die deutschen Brieftauben mittlerweile mit einer Telefonnummer versehen sein müssen. Das ist gut, zumal sich die gestrandeten Rennpferde des kleinen Mannes zu häufen scheinen. Bereits am nächsten Tag saß eine Brieftaube auf der Fahrbahn einer Brücke. Weder war ein Anhalten  möglich, noch rührte sich die Taube von der Stelle. Ich musste hinter der Brücke parken und zurücklaufen, bekam mit, dass bisher jeder Autofahrer auswich. Bei der Taube angekommen, konnte diese zumindest noch ihre Flügel ausbreiten und nach zwei Runden in der Luft auf einem Dach landen, aber wie ich sehen konnte mit herunterhängendem, linken Bein. Wahrscheinlich wird auch sie es nicht schaffen, genauso wenig wie Fienchen, die gegen ihre Schwäche nicht mehr ankam und am Vormittag des darauf folgenden Tages  starb.

Manuela fand ebenso vor einigen Wochen eine Brieftaube im Rinnstein. Sie nahm sie mit ins Büro, las die Telefonnummer des deutschen Besitzers, rief ihn an und er machte sich sofort aus Oberhausen auf den Weg. Leider auch zu spät, wobei er erklärte, dass seine Taubenschar am Tag zuvor in der Nähe von Frankfurt gestartet und in eine Gewitterfront geraten sei. Seine Taube war ungefähr 60 km vom Schlag entfernt gewesen, als sie von Manuela in Mettmann völlig erschöpft gefunden wurde. Zumindest zeigte dieser Mann wirkliche Trauer. Ob es eines seiner „wertvollen“ Tiere war, sagte er nicht.

Inzwischen meldete sich Anne von den Stadttieren e.V. und nannte mir  für den Notfall einige Mittel. Wie zum Beispiel Bioserin  und Nutribird a 21, ein Pulver das zur Aufzucht verwendet wird und mit einer Spritze und einem aufgesetzten Infusionsschlauch an der Luftröhre vorbei in die Speiseröhre eingeführt wird.

Ob ich so etwas schaffe, weiß ich noch nicht, aber für jeden interessant der Ähnliches erlebt, oder?

Zum Schluss ein Zitat von Johanna Wothke, der Vorsitzenden von Pro Animale. Meiner Meinung nach passt es zu diesen hiesigen Beispielen, da es auch zeigt, dass „wir“ in Deutschland noch nicht komplett verkommen sind. Johanna Wothtke fährt persönlich in jedes Land, in dem Pro Animale versucht den Tieren zu helfen und weiß, wovon sie spricht. Nach über 17 Jahren und weit über 150 Reisen dorthin im Sinne der Tiere, hier einer ihrer neuesten Eindrücke aus der Türkei:

Hier sind es Scharen dürrer schmutziger Kätzchen, die auf Müllcontainern balancieren… an den Straßenrändern die Silhouetten meist großer Hunde mit gesenktem Kopf – und viele Hündinnen mit langem Gesäuge! So viele von ihnen von achtlosen Autofahrern angefahren und liegen gelassen in stunden – und tagelangem Siechtum, bis sie endlich den Geist aufgeben und so lange zermahlen werden von darüberpreschenden Autorädern bis sie nur noch einem Fetzen Tuch gleichen…

Ich hoffe sehr, Euch Lesern nicht den Sonntag verdorben zu haben und bedanke mich fürs Lesen bis hierher. Dumme Fragen gibt es nicht, aber ich frage mich immer wieder: Warum muss das alles geschehen?

5 Kommentare zu “Brieftaube Fienchen

  1. Oh, liebe Sabine, ich sitze mal wieder mit Tränen in den Augen hier! 😦 Wenn ich durch unsere kleine Fußgängerzone gehe und die Tauben sehe, stelle ich mir auch immer wieder vor, wie nach ihnen getreten wird. Die Menschen sind ja heutzutage leider zu Allem fähig! 😦
    Tut mir leid, dass es Fienchen nicht geschafft hat… Ich hoffe, sie ist nun gut im Regenbogenland angekommen und findet da ihre Ruhe.
    Auch wenn es heißt, alles was passiert hat irgendwo einen Sinn, so kann und will ich es nicht verstehen. Wie herzlos kann man sein?
    Schön, dass es Menschen wie Dich gibt. 🙂 Danke.
    LG Nadine

  2. Danke, Nadine!
    Leider ist es so, dass Tiere, sobald sie eine Nummer oder einen Namen haben, mit mehr Interesse behandelt werden. Was aus all den Fußgängerzonen – Tauben wird ist den meisten egal, da sie zum Straßenbild dazu gehören. Ob humpelnd, verhungernd, krank oder mit Bindfäden um den Füssen.

    Vor Jahren sah ich eine verendete Taube neben dem Schild „Vorsicht Rattengift“ liegen. Keine Kamera dabei, ansonsten wäre mir dazu eingefallen: „Tiere sprechen eine andere Sprache – noch nicht mitbekommen??“
    Liebe Grüße
    Sabine

  3. Wenn die den Städten zur vermeintlichen Last werdenden Stadttaubenpopulationen nicht auf ein „erträgliches Maß“ abnehmen trotz all der Vergrämungs- und Vernichtungsaktionen, die gegen sie gestartet wurden,haben das die Städte den Taubenzüchtern zu verdanken, deren verirrten Tiere diese Populationen regelmäßig wieder auffüllen.
    Es ist wirklich an der Zeit, dass Brieftaubenzüchter, die für ihr Tierqual-Hobby übrigens sehr viel Geld ausgeben, pro Taube mit einer Tierschutzabgabe belegt werden, die dann für die städtische Pflege dieser Tauben Verwendung finden sollte, ähnlich dem Berliner Projekt mit dem dämlichen Namen, von dem ich hier schon mal berichtet hatte und von dem man seitdem gar nichts mehr erfahren hat.
    Fienchens Schicksal ist nun für mich ein Grund mal nachzuhaken.
    Zur Zeit scheint ja in D-dorf ein solches Projekt anzulaufen, das auch noch vernünftig tierfreundlich formuliert ist.
    http://www.stadttaubenprojekt.de/

    Doch grundsätzlich halte ich das Thema Taubendreck für übertrieben gehandhabt, so eklig Kot in größeren Mengen auch ist. Denn niemand fordert zum Beispiel, dass die Männer, die in den Fußgängertunnel pinkeln ermordet werden, obwohl da die feuchten Flecken regelmäßig erneuert werden und der Pissgeruch nicht ignoriert werden kann. Auch könnte man mit Recht ein Verbot des öffentlichen Genusses von Lebensmittel aller Art einfordern, da immer wieder der Abfall auf der Straße rumliegt, kurzum, Hygiene ist nur ein vorgeschobener Grund für dieses tierfeindliche Verhalten.

  4. Im Grunde kann man das mit der ausgesetzten Katzenpopulation vergleichen. Fällt nur noch weniger auf, weil in der Luft, auf Dächern und unter Brücken.

  5. So eine gottverdammte Sch… 😦
    Mein letztens verstorbener Onkel war Taubenzüchter und da habe ich viele unschöne Sachen mitbekommen.
    Die wenigsten Taubenzüchter hängen an ihren Tieren, es sei denn, sie sind (wie du schon vermutest) etwas wert.
    Aber das ist ja nur eine Seite … wir anderen „Nicht-Taubenzüchter“, die an solchen Tieren einfach vorbeilaufen als wären sie gar nicht da, die sind mindestens genauso schlimm! … und ich werde es nie begreifen.
    Nutribird a 21 ist auf jeden Fall eine gute Sache um Tauben (bzw. Vögel) aufzupäppeln. Wer das nicht zur Hand hat kann sich auch erstmal mit einem Brei aus zerriebenem Zwieback mit hartgekochtem Ei und etwas Wasser (oder Honig) helfen. Wird in der Regel sogar von geschwächten Vögeln gerne genommen.
    Für Fienchen tut es mir sehr leid, aber wer weiss, vielleicht war es besser für sie. Vielleicht hatte sie sogar innere Verletzungen …
    Was die Taube mit dem gebrochenen (?) Beinchen angeht, so denke ich auch, dass sie nicht überleben wird, wenn sich nicht noch ein menschlicher Mensch erbarmen und sich um sie kümmern wird. In dem Zustand ist sie leider nur noch Beute 😦

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