In Erinnerung an Samira (2)

Eine Tragzeit bei Katzen dauert etwa 9 1/2 Wochen. Samira war seit drei Wochen bei Heike, sie wurde Heike gegenüber immer umgänglicher, wurde runder, aß gut, aber bekam ihre Jungen nicht.

Ich rief interessenhalber beim damalig untersuchenden Tierarzt an und fragte, ob diese Dauer richtig sein könne, da er seinerzeit von fortgeschrittener Trächtigkeit gesprochen hatte. Das könne er nicht so genau sagen, aber wenn es dem Tier gut ginge sollten wir weiterhin abwarten, bekam ich zur Antwort, womit ich dem Tierarzt keinen Vorwurf mache. Mein Fehler war, nicht zu hinterfragen ob er Samira seinerzeit unter Narkoseeinwirkung untersuchte, aber irgendwie denkt man immer, ein Tierarzt weiß, was er tut und das denke ich auch weiterhin!

Wir warteten ab, da es Samira gut zu gehen schien, wobei sich Heike zusätzlich in einem Katzen – Forum anmeldetet, wo düstere Vorrausagen an der Tagesordnung waren: „Eine wilde Katze kann  in Gefangenschaft eine Geburt hinauszögern.“ Ja, ja, kann sein, wobei Katze Holly kein Problem damit hatte. Eines Morgens bekam Heike einen Anruf von Frau X, die sich nach ihrer Kur für die überraschend eingefangene und  von mir organisiert untergebrachte Samira interessierte. An zufällig genau diesem Morgen machte Samira Anstalten und lief unruhig durch ihr Zimmer. Heike schilderte während des Gespräches diese Symptome, ohne Frau X zu kennen und sich darauf verlassend, dass Frau X „etwas zu sagen hat“,  worauf Frau X antwortete, dass sie es geahnt habe. Kein Mensch hätte Ahnung, es sei alles falsch gemacht worden und Heike solle sofort mit Samira zum Tierarzt! Sie sei bei der damaligen Untersuchung garantiert in Narkose gelegt worden, eine Vergiftung wäre Schuld und  sämtliche Welpen bereits  tot.

Heike geriet logischerweise in Panik, denn eventuell hatte Frau X Recht. Sie lockte Samira in eine Box, fuhr zu ihrem Tierarzt und musste warten, da ein Notfall dazwischen kam. Sie musste lange warten und wie ich soeben noch bei Sylvia gelesen habe, so kann sich selbst Fieber bei Katzen in Stresssituationen hochschaukeln. Heikes Tierarzt begutachtete Samira und ordnete einen Kaiserschnitt an. Sofort, ganz schnell.

Vier Welpen holte er aus ihrem Bauch, wovon das „Erstgeborene“ schwarzweiße Baby, wieder belebt werden musste. Es war somit eine Minute vor Zwölf gewesen. Samira erlitt einen Kreislaufkollaps, auch sie musste und konnte regeneriert werden.

Nach zwei Stunden konnte Heike zusammen mit Samira und ihren vier lebenden Katzenbabys nach Hause fahren. Sie sollte von Anfang an zufüttern, da Samira schwächelte, aber all das war kein Problem für Heike.

Zuhause angekommen tat sie ihr Bestes. Samira war noch nicht 100% aus der Narkose erwacht, aber sie bekam mit, was um sie herum vorging. Sie sah ihre Kinder und auch, wie Heike, ihre zweite Vertraute, sich um ihre Babys kümmerte. Sie atmete tief durch, es glich einem Seufzer, und sie bewegte sich. Heike schaute sofort in die Box, streichelte Samira, merkte aber, dass Samira soeben verstorben war.

Ja, und dann standen wir da. Mit Anklagen im Rücken und der Verantwortung für vier Mutterlose Katzenbabys. Ich rief Frau X an, und sagte unter Tränen, dass Samira gestorben sei.

Jetzt kommt ein  Abschnitt der unglaubwürdig klingt, aber wer sich auskennt wird verstehen:

Frau X sprach gleichzeitig mit Frau Y, die spät abends noch im Auto saß und die vier Welpen zu einer Ammenmutter ihres zuständigen TSV bringen wollte. Ein bewundernswerter Einsatz, der mich zum Überlegen brachte. Ob diese unbekannte Katze die vier neuen Welpen aufnehmen würde, danach war nicht gefragt worden und das konnte auch niemand wissen. Das war ein Risiko auf Leben und Tod. Währendessen schaltete Frau X telefontechnisch Frau Y aus und sagte zu mir: „Das darf nicht zugelassen werden, Frau Y ist bei einem Pharmaproduzenten gesehen worden, sie gibt Katzen an Versuchslabore!“

Das konnte ich nicht glauben  – oder doch? –  und irgendwie beneidete ich Samira und wünschte mir einen Seufzer, der all diese Machenschaften vergessen ließ. Aber das  funktionierte nicht und ich rief Heike an. „Frau Y wird gleich vor eurer Tür stehen, sie hat vielleicht eine Ammenmutter, genaues weiß ich auch nicht, aber bitte, gib ihr die Babys nicht!“

Heike war genauso  durch den Wind wie ich, zumal  sie zusätzlich die verstorbene Samira bei sich hatte und Katzenbabys gefüttert werden mussten. Als Frau Y kurz danach bei ihr klingelte, hielt Heikes Mann die Haustüre bedeckt und sprach in Ausreden.

Ersatzmama Cassy

Kurz danach rief mich Frau X an, schaltete Frau Y , die immer noch im Auto saß, ohne ihr Wissen dazwischen, und ich hörte: „Hast du dem Typen geraten mich nicht hereinzulassen?“

„Ich? Nein, wie kommst du  denn darauf?“

Das alles glich im Grunde einer billigen, trivialen Komödie, wenn der Stoff nicht so traurig gewesen wäre. Aber das Leben schreibt bekanntlich die unglaublichsten Geschichten und Heike gab den vernünftigen Schlusssatz: „Sabine, ich schaffe das, ich schaffe das, verlass dich darauf! Samiras Babys bleiben hier, bei ihrer Mutter die auch hier beerdigt werden wird und  ich werde die Babys alle zwei Stunden füttern! Vergessen wir doch einfach diese Leute!“

Samiras Grab

Heike schaffte es auch und  Gisela Scholz von der Tierhilfe Rhein – Main  übernahm sämtliche Unkosten und  Vermittlung. Ja, genau, ein Verein der von uns weit entfernt liegt, der aber aus Freundschaft und Ehrlichkeit besteht, nicht aus einem Haifischbecken.

Samiras Babys wuchsen zu kräftigen und gesunden Katzenkindern heran. Zwei Kater und zwei Katzen. Wobei es wie gewollt scheint, dass die Weibchen ihrer Mutter ähneln und speziell Samira 2 ihr wie ein Ebenbild gleicht.

Die beiden Katerchen konten zusammen vermittelt werden. Von Samira 2 und Sina konnt sich Heike nicht trennen, verständlicherweise.

Gewonnen hat unter anderem auch Heikes Cassy, die alle vier Katzenbabys sofort und ohne zu überlegen übernahm, wie eine Mutter. Je nach Aufwand, und sie übernahm am allerliebsten die Massage, wenn nach dem Fresschen die Bäuche massiert werden mussten. Sie machte das hervorragend und war bald unabkömmlich:

Alles in allem steht vieles zwischen den Zeilen, worüber sich jeder seine eigenen Gedanken machen kann.  Heike und ich werden Samira niemals vergessen, niemand wird Samira vergessen, da sie eine der unendlich vielen verwilderten Katzen war und hiermit ein sinnbildliches Denkmal für sie  errichtet wurde.  Samira war auch ein Schnitt in unserem Leben, der uns gelehrt hat welche Menschen wirklich wichtig sind, aber ich werde niemals anders handeln und kann trotzdem die nette Dame verstehen, die Samira viele Jahre länger kannte und uns die Schuld an ihrem Tod gibt.

Danke Cassy!

8 Kommentare zu “In Erinnerung an Samira (2)

  1. Und wieder stitze ich mit Tränen in den Augen hier.
    Dass die Geschichte so weitergeht, dachte ich mir ja schon. 😦
    Dennoch, Du hast einen sehr schönen Nachruf verfasst, liebe Sabine.
    Schön zu wissen, dass Samira’s Kinder inzwischen groß und stark sind und es ihnen so gut geht. 🙂
    LG Nadine

  2. Hallo Sabine,
    es gibt wirklich viele traurige Geschichten um Straßenkatzen. Ihr seid aber nicht schuld an Samiras Tod.
    Ich bewundere euch, dass ihr die Kleinen nicht weggegeben habt und euch um sie gekümmert habt und der TSV noch geholfen hat.
    Meine Tränen laufen wieder, aber es ist gut, dass Samira ihre Kleinen sehen konnte und gemerkt hat, dass sie gut versorgt sind. Sie konnte in Erleichterung gehen.
    LG Anja

  3. Samiras Geschichte ist sehr bewegend. Dass sie ihre Jungen in Sicherheit austragen und zur Welt bringen durfte, war für sie bestimmt eine große Erleichterung – wer weiß, ob sie in ‚Freiheit‘ überhaupt die Chance dazu bekommen hätte. Ständig zu hinterfragen, was wäre gewesen, wenn… hilft weder Mensch noch Tier.
    Es ist schön zu lesen, dass ihr es geschafft habt, die Kleinen aufzuziehen – Samira wäre stolz!

    LG Christina

  4. Ich habe auch einmal eine wildlebende Katze zum Tierschutz gebracht. Da war es gerade andersrum, denn sie fraß ihre Kitten auf. 😦 Wahrscheinlich war sie sich in „Gefangenschaft“ einfach zu unsicher. 😦
    LG Nadine

  5. Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume,
    ich bin in Euch und geh’ durch Eure Träume.
    Michelangelo

    Schlaf gut, schöne Samira und grüße bitte meinen Kater Tom, wenn Du ihn triffst.
    Traurige Grüße, Brigitte

  6. 😥 … und trotzdem bin ich der Meinung, ihr habt alles richtig gemacht!
    Was Frau X und Frau Y angeht so kann ich das alles nicht genau einordnen.
    Ich kann nur sagen … das große Kotzen vor der Menschheit!
    Deinem letzten Satz kann ich mich allerdings anschließen!

    Traurige Grüße,
    Sylvia

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