In Erinnerung an Samira

Zu den alten Geschichten gehört auch „Samira“.  Sie ging am 17.05.2009 im Alter von ungefähr 16 Jahren ins Regenbogenland. Wir werden sie nie vergessen.

Samira gehört nicht nur zu den Geschichten, sie schrieb auch Geschichte, weil sie mich und einige andere an unserem Handeln, an unseren Tierschutzgedanken hat zweifeln lassen. Für mich kam zusätzlich Misstrauen gegenüber Mitstreitern hinzu. An all dem hat  Samira keine Schuld, ich konnte von Samira viel lernen. Aber macht Euch selbst ein Bild:

Samira lebte auf dem Gelände einer Spedition, die sich im Laufe der Jahre ständig vergrößerte. Gab es vor zwanzig Jahren noch defekte Kellerfenster und Versteckmöglichkeiten, so hatten  sich solche Umstände bis zum Jahre 2009 drastisch verändert. Es wurde abgerissen, neu und undurchdringlich gebaut. Für die eine Seite ist es gut, wenn die Wirtschaft aufwärts geht, für die andere Seite schlecht, da diese Spedition nach und nach einem Flughafengelände ähnelte, wo man als Mensch schon aufpassen muss, um nicht unter die Räder zu kommen. Bei dieser Spedition leben seit Ewigkeiten Katzen, die von einer Büroangestellten gefüttert werden. Diese Dame ging irgendwann in Rente, ist eine hochachtungsvoll verantwortungsbewusste Person und macht sich seither täglich mit Bus und Bahn auf den Weg, um weiterhin ihre Katzen zu versorgen.

Im März 2009 bekam ich einen Anruf von Frau X, die meine Nummer von Frau Y hatte. Sie sei durch Zufall auf die Zustände aufmerksam geworden, die bei dieser Spedition herrschen, würde die Vielzahl an Katzen einfangen, kastrieren lassen und müsse ab der kommenden Woche zu einer mehrwöchigen Kur. Ob ich in dieser Zeit in ihrem Sinne weiter machen könne, da es dort schon längst fünf nach Zwölf sei. Ich sagte zu und wir trafen uns am nächsten Tag vor Ort.

Felix mit gekapptem rechten Ohr

Sie gab mir Instruktionen, zeigte mir die Futterstellen, gab mir eine Falle, Umsetzkorb, Nummern der jeweiligen Pförtner, der Versorgerin, der Tierklinik, des zuständigen  Katzenschutzbundes wegen der Gutscheine. Somit gut versorgt musste ich mich in die Lage hineinversetzen und hatte bei unserem Treffen bereits ein ungutes Gefühl, da ich mir in diesem chaotischen Bereich keine Katze vorstellen wollte.

Als erstes informierte ich mich bei der Katzenversorgerin, die viel zu erzählen hatte. Sie sprach von den Tieren, wie von ihren eigenen Kindern. „Felix“ sei ein Sohn von Samira, die von ihr „Bärchen“ genannt wurde, Katze „Rosa“ sei die Mutter von  „Grettolina“, gleichzeitig eine Tante von  „Mimi“ und die wiederum die Schwester von…. und so weiter. Mir schwirrte der Kopf und ich fragte die nette Dame, wie es soweit hatte kommen können? Seit fünfzehn Jahren und keine einzige Kastration? Wo waren die Nachkommen denn alle hin? Das müssten ja schon hunderte sein. Das war kein Umfeld für Katzen, und: Warum?

Sie hatte es versucht, sich auch beim zuständigen Tierschutzverein gemeldet, aber all das sei im Sande versickert. Hinzu kam Angst, da sie die Katzen stets heimlich versorgen müsse. Sobald sie jemand dabei „erwischen“ würde, könne sie nur ahnen, was den Tieren durch Aufmerksamkeit eventuell angetan werden würde. Sie stehe alleine da, nur der ein oder andere Pförtner würde ihr helfen. Erst Frau X hätte die Sache mutig in die Hand genommen.

Ja, das bekannte Desaster, das war wohl alles wahr und ich nun mittendrin im Mut. Aber selbst wenn ich eine Katze zum Kastrieren wegbringe, so kann ich sie dort nicht wieder aussetzen, ging es mir durch den Kopf. Frau Y rief kurz danach an und fragte, ob sie mir helfen solle. Ich sagte: „Ja klar, das ist ansonsten ein Unding, wie soll ich das neben der Arbeit schaffen?“

Lediglich zwei Pförtner verhielten sich in den Momenten loyal. Sie stellten nachts die Falle auf und ich konnte die gefangenen Tiere am nächsten Morgen in einer freien Stunde zur Tierklinik bringen. Einer der Pförtner erzählte „von früher“, von Katze „Mimi“, die sich nachts, wenn er Dienst hat, im Pförtnerhaus auf einer Decke zusammenrollt, die immer wieder schwanger wurde, die von ihrer Versorgerin irgendwann die Pille bekam. Er erzählte von einer Katze, die von einem LKW angefahren worden war, deren Gedärme… sie lebte noch, sie schrie, und wurde mitten in der Nacht per Taxi von der alten Dame zum Notdienst gebracht. „Schrecklich“, sagte er, „es war oftmals schrecklich. Es ging hier viel zu weit. Mimi vertraut nur mir und unserer Dame. Mimi  darf aber bald nicht mehr hier ins Pförtnerhaus. Striktes Tierverbot und ich selber lebe in einer kleinen Mietwohnung; das ist nicht das, was sie braucht.“

Mimi nach ihrer Kastration. Zu erkennen an der Kerbe im linken Ohr.

Das alles konnte ich nachvollziehen, deshalb war es wichtig, die einmal gefangenen Tiere irgendwo anders unterzubringen. Aber wo?

Frau Y half somit und fuhr zusätzlich eigenständig nachts zur Spedition, stellte eine Falle in Nähe der Futterstelle auf und war um einiges erfolgreicher. Selbst der alte, scheue rote  Kater, den die nette Dame nur von weitem kannte, konnte unfruchtbar gemacht werden. Wir überlegten auch bei ihm, aber er war eine wilde Hummel, die auf keinen Fall umgesetzt werden konnte. Er lebte auch außerhalb und wurde nur selten auf dem Gelände gesehen. Bis dato war ich auch nicht weit gekommen, was Alternativstellen anbelangt. An ein Tierheim hatte mich gewendet und ich konnte dort zumindest Fotos und „Zuhause gesucht“  der Speditionskatzen einstellen. Das war unglaublich viel wert, aber wilde Katzen neben vielen Schmusetigern …

Zwei gefangene Jungtiere, Katze und Kater, konnten wir Dank eines Kontaktes zu einer Frau bringen, die Haus, weitläufiges Land besitzt und weitere Katzen beherbergt. Nach nur einer Nacht, in Transportboxen auf der Terrasse im Grünen untergebracht, blieb dieses Geschwisterpaar, obwohl die Gefahr des sofortigen Zurücklaufens, nach kurzfristiger Integrierung, immer besteht.

Und irgendwann traf ich Samira, die zu der Zeit trächtig war  und einen müden Eindruck machte. Da ich hin und wieder auch die Fütterungen übernahm, sah ich Samira mehrmals, wie sie mitten auf der benachbarten Straße saß. Sie saß einfach da und Autofahrer hielten oder umkurvten sie. Laut der netten Dame war ihr „Bärchen“ schlau und misstrauisch, so dass sie sich niemals einfangen lassen würde. Bärchen war ihre Begleitkatze, die sie seit 15 Jahren kannte und die  ihr regelmäßig bis zur  Bushaltestelle folgte. Bärchen ließ sich von ihr auch streicheln – sie waren ein Team.

Eines Morgens rief Frau Y an, dass eine Dreifarbige in der Falle säße, sie wüsste aber nicht welche. Ich sagte, dass das  trotz allem eventuell „Bärchen“ sein könne und sie möge bitte den Tierarzt auf eine Trächtigkeit hinweisen. Er solle nicht ohne Nachfrage operieren! Das tat Frau Y auch und rief zurück, der Tierarzt sage, es sei bereits zu spät für eine Kastration: „Kümmern sie sich bitte.“ Ich rief den Tierarzt an, bat ihn um seine medizinische Meinung, und dass er emotionale, wie unsere in dem Moment, völlig außer Acht lassen solle,  und er meinte, man könne am letzten Tag noch kastrieren, das alles sei kein Problem. Wenn ich wüsste wohin mit der Katze, würde er allerdings aus ethischen Gründen die Welpen zur Welt kommen lassen. Gut, somit waren wir einer Meinung, aber ich hatte in dem Moment nicht wirklich einen geeigneten Platz für die werdende Katzenmutter.

Heike, meine bessere Hälfte in dem Moment, sagte sofort zu, nachdem ich ihr die Umstände erklärt hatte. Somit kam Bärchen – aus der aufgrund Heikes Namenswahl Samira wurde – in ein eigenes Zimmer bei Heike. Dort riss Samira  erst einmal die Gardinen vom Fenster und es wurde klar, dass  Samira sich nicht wohl fühlte. Aber was sollte man sonst tun? Sie wieder auf die Straße setzen, wo der  nächste Autofahrer nicht bremsen würde? Sie ihrem Schicksal überlassen, sie in diesem hohen Alter zum X ten Male Babys gebären lassen? Alleine, ohne Rückzugsmöglichkeiten? Die nette Dame wurde sogar richtig wütend, sie wollte Bärchen „zurück haben“, das alles würde das Tier schaffen! Bärchen hätte es immer geschafft und das sei kein Tierschutz, sie würde Bärchen seit 15 Jahren kennen.

Somit eine Zwickmühle, die rasende Kopfschmerzen verursachte. Was war richtig und was war falsch? Konnte diese nette Dame das überhaupt beurteilen? Auch wenn sie Samira seit vielen Jahren kannte, so waren das winzige Bruchstücke eines gemeinsamen Lebens. Was andere zur Mittagszeit sahen, sah sie nicht in den Morgenstunden, geschweige denn in der Nacht. Eine Stunde von vierundzwanzig Stunden. Wie empfinde ich selbst? Ich weiß bis heute nicht,  was „meine“ wilden Katzen während der restlichen Stunden anstellen.

Ich weiß immer noch nicht, ob es richtig oder falsch war. Ich weiß nur, dass ich jederzeit wieder so handeln würde. Samira ging es nach einigen Stunden schon  besser, sie beruhigte sich. Wenige Tage später konnte auch Heike sich ihr nähern.

All das  ging auf Kosten Samiras Leben, aber wenn sie draußen geblieben wäre weiß niemand, ob ihr letzter Wurf überhaupt überlebt hätte und ob nicht alle fünf zusammen gestorben wären. Irgendwo, in einer kahlen Ecke. Die ebenfalls alte Katze „Rosa“ mit nur noch einem Auge, sie war zur selben Zeit ebenso tragend, wie ich von der netten Dame erfuhr. Rosa überlebte, aber ihre Welpen wurden nie gesehen. Wie man es dreht und wendet…

Fortsetzung folgt…

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9 Kommentare zu “In Erinnerung an Samira

  1. Hallo Sabine
    Sehr schön nochmal Samiras Geschichte nachzulesen!
    Was ich gar nicht wusste, ist dass Felix ein Sohn von Samira ist! Aber wenn man ihn sich ansieht – er hat genau dieselbe Statur und die gleichen Proportionen wie Samira-nur die Farbe ist anders!
    Ich denke übringes nach wie vor, das es richtig war Samira ihre Babys in Sicherheit bekommen zu lassen!
    Leider geht die Geschichte ja etwas anders aus!
    Ich freue mich auf deinen nächsten Teil, auch wenn er traurig sein wird! Und das nur weil Menschen sich eingemischt hatten!
    Liebe Grüße Heike.

  2. Oh, verstehe ich das richtig, dass Samira bei der Geburt gestorben ist? Die Geschichte rührt mich mal wieder total und ich bin gespannt auf die Fortsetzung. Mein Gott, wenn ich mir vorstelle, wie viele arme Seelchen da draußen leben… 😦
    So gesehen dürfte sich tatsächlich Niemand mehr eine Zuchtkatze holen. Es ist einfach grausam… 😦
    LG Nadine

  3. Kurz nach der Geburt, Nadine.
    Ihre Kinder hat Samira noch mitbekommen – ein winziger Trost.

    Ich verstehe schon nicht, wie man sich einen Hund von einem Züchter kaufen kann, geschweige denn eine Katze. Speziell Rassetiere sitzen überall in Tötungen und warten, während immer neue produziert werden.

    Danke Dir, Nadine und Danke Heike, ja, da kommen wieder Emotionen hoch…

  4. Oh nein, die arme Maus! 😦 Das Leben ist so ungerecht…
    Zum Thema Rassekatzen sage ich auch nichts mehr, hab da schon einige Züchter kennenlernen dürfen… Ich möchte sie nicht Alle über einen Kamm scheren, aber allein die Sache mit den Katzenausstellungen ist für mich das Letzte! aber die Katzen machen’s ja angeblich „gerne“… 😦
    LG Nadine

  5. *puh* harte Kost!
    Wie immer super geschrieben! … und wie immer löst dein Artikel bei mir starke Emotionen aus!
    Wie ich dir schon einmal am Telefon gesagt habe, ich wusste gar nicht, wie groß die Not im deutschen Tierschutz (auf der Strasse) ist und das macht mich unendlich traurig 😥

    Ist jetzt ein wenig offtopic aber ich habe eine Frage … wenn ich das nächste mal Katzensachen aussortiere, hast du Interesse? Bis dato habe ich alles ins benachbarte Tierheim gebracht …

    Ich ahne, was Samira wiederfahren ist …

    Traurige Grüße,
    Sylvia

  6. Danke fürs lesen und kommentieren, Sylvia!
    Gebrauchen kann man da draußen nur wasserdichte Katzensachen oder Näpfe.
    Aber alte Katzentoiletten mit Deckel z.B. immer sehr gerne! Daraus kann man die feinsten Unterschlüpfe bauen. Je größer, desto besser.

    Liebe Grüße
    Sabine

  7. Pingback: Urlaub! « Katzen-Heimat-Blog

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