Jedes Lebewesen hat ein Recht zu leben

Heute komme ich noch einmal auf das Thema „Jedes Lebewesen hat ein Recht zu leben“ zurück. Man hört es immer wieder, dass Mitmenschen sagen: „Wenn jeder so handeln würde, wenn jeder mit offenen Augen durch unsere Welt gehen würde, dann, ja dann sähe unsere Welt anders und eventuell besser aus.
Die Frage ist, wo fängt man mit offenen Augen an? Im Grunde ist das einfach zu beantworten, da jeder die Möglichkeit dazu hat. Es ist völlig egal, wo und wie man etwas tut. Man muss es nur tun und keine Angst vor Blicken oder „schlauen“  Sprüchen haben, denn meist ist genau das der Knackpunkt, dass man Angst hat und der Mut fehlt. Es ist einem peinlich, denn was sollen die Leute denken? Die Leute denken man sei verrückt, die Leute erzählen das Gesehene eventuell weiter und aus einem Schneeball wird eine Lawine.
Ich hoffe einfach mal, dass jedem Menschen  wenigstens einmal  in seinem Leben bewusst wird, dass jedes Lebewesen, jede Pflanze  einen Sinn ergibt. Dass jeder  Mensch wenigstens einmal in seinem Leben Respekt vor dieser Vielfalt und diesem durchdachten System empfindet. Speziell heutzutage, wo Mensch seine Finger überall im Spiel hat um sich – und nur sich – ständig weiter entwickeln zu können. Ich gebe zu, dass ich einer Zecke oder einem Floh nicht wirklich das Leben retten würde, da sie bei einem anderen Tier lebensbedrohliche Krankheiten auslösen können. Ich gebe ebenfalls zu, dass ich Genmanipulierten Pflanzen skeptisch gegenüber trete.
Auch wenn es sich bei dem  folgenden Spot um eine  Werbung für Brillen handelt, so hat mich dessen Aussage beeindruckt. Noch besser wäre sie meiner Meinung nach geworden, wenn ein erwachsener Mensch derjenige gewesen wäre, der zu seinem Handeln steht und mit fragenden Blicken verfolgt würde, was ihm, offensichtlich dargestellt, egal  wäre – aber gut, so ist es rührend geworden und der ein oder andere denkt trotzdem nach.
Im Anschluss freue ich mich  „Viktors Größe“  von Patricia Koelle einstellen zu dürfen. Eine Geschichte an die ich sofort denken musste, nachdem ich diese Werbung sah. Sie passt meiner Meinung nach sehr gut zur Aussage und beinhaltet gleichzeitig den Respekt vor unseren Mitmenschen, selbst wenn sie „anders“ scheinen.  Patricia beschreibt somit  zwei wichtige Themen und zusätzlich zwei Erwachsene, die auch ohne Brille sehen …
An diese Kurzgeschichte war nicht einfach heranzukommen, da sie bereits in einem Buch veröffentlicht wurde:

Ich danke an dieser Stelle ganz herzlich Patricia für Ihre Zustimmung, und Dr. Ronald Henss für seine Erlaubnis und Bereitstellung dieser beeindruckenden Kurzgeschichte!
Ansonsten kann ich das Buch „Die Füße der Sterne“ nur jedem empfehlen! Eine Sammlung von Geschichten, die beim Leser ein Wechselbad der Gefühle auslöst, wo sich jeder wieder erkennt und die jeweils  eine Aussage beinhalten, denn  Patricia geht mit offenen Augen durchs Leben und  schreibt anschließend Perlen.
Aber, macht Euch selber ein Bild und ich wünsche Euch allen einen möglichst entspannten Sonntag:

Patricia Koelle

Viktors Größe

Es war so heiß, dass der Asphalt Sorgenfalten warf und mein Schweiß in die staubige Auguststille tropfte. Ich hob die Schaufel nur noch mechanisch. Die ganze Stadt um uns herum schien in einer regungslosen Mittagspause zusammengesunken, doch wir mussten mindestens noch drei Meter graben. Ingmar, der sich vom anderen Ende her auf mich zu arbeitete, hatte seinen Spaten fallen lassen und brachte mir die fünfte Wasserflasche des Tages. Ich schmeckte Sand auf der Zunge und sehnte mich danach, dass an der Uni das Semester wieder begann. Aber ich brauchte diesen Sommerjob. Wir waren dabei, die Mauer zu sanieren, die die Grenze zwischen dem Fabrikgelände und einer Obdachlosenherberge markierte. Dazu mussten wir den Boden am Fundament entlang einen Meter tief ausheben. Ich war froh, dass wir jetzt auf dieser Seite zu tun hatten. Das Grundstück der Fabrik war fast lückenlos zubetoniert, sodass das Hitzeflirren darüber zwar das strenge Gebäude wie eine versöhnliche Illusion erschienen ließ, der Luft aber jede Tauglichkeit zum Einatmen nahm. Um die Herberge hingegen breitete sich ein von jeder Pflege ungestörter Garten aus, der mir wie das Paradies selbst erschien, weil er beinahe grün war und nach den überreifen Äpfeln roch, die im Gras lagen.

Ingmar reichte mir die Flasche und nahm einen tiefen Schluck aus seiner eigenen. „Glaubst du, wir schaffen das noch diese Woche?“ Zweifelnd betrachtete er die Erdberge, die wir aufgeworfen hatten.

Plötzlich weiteten sich seine Augen. Angestrengt sah er über meine Schulter hinweg. „Vorsicht, Ralf!“, sagte er unterdrückt.

Hastig drehte ich mich um, während ein Schatten auf mich fiel. Ich bin mit meinen einsachtzig kein Zwerg, aber um dem Mann, der vor mir stand, ins Gesicht sehen zu können, musste ich den Kopf in den Nacken legen. Hinter meinem Rücken griff ich instinktiv nach meinem Spaten, obwohl mein unerwartetes Gegenüber diesen wahrscheinlich mit einer Hand zerbrechen könnte. Sein zerfranstes Unterhemd ließ keinen Zweifel offen, was seine Muskeln anging, und außerdem war er etwa doppelt so breit wie ich. Er war von unten bis oben tätowiert; Seeschlangen, Meerjungfrauen, Drachen und Haifische stritten sich auf Bizeps, Brust und Beinen um den immerhin beträchtlichen Platz. Durch seine rechte Augenbraue lief schräg eine Narbe. Sie verlieh ihm den Ausdruck, als würde er mich jeden Moment etwas Dringendes fragen. Er zog seine Hose hoch, spuckte über die Mauer und räusperte sich. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Ingmar hinter mir einen Schritt zurück trat.

Der bunte Hüne bückte sich leicht und sah mir forschend ins Gesicht. „Hast du Regenwürmer gefunden?“, fragte er leise.

Ich war so verblüfft, dass ich erst mal einen Schluck aus der Flasche nahm, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

„Du musst doch Regenwürmer gefunden haben!“, sagte er bittend.

Ich konnte mich nicht erinnern, welche gesehen zu haben. „Nein, tut mir leid“, sagte ich höflich. „Willst du angeln gehen?“

„Angeln!“ Kopfschüttelnd ging er an uns vorbei.

Wir sahen ihm nach, während er entlang der Mauer die Erdhaufen untersuchte.

„Macht euch nichts aus Viktor“, sagte eine undeutliche Stimme.

Wir fuhren zusammen.

Am Stamm eines Apfelbaums lehnte ein kleiner, abgerissener Typ und grinste uns zahnlos an. „Der ist zu lang im Knast gewesen. Habt ihr was zu trinken?“

„Nur Wasser“, sagte Ingmar.

Der Typ zuckte mit den Schultern und verkrümelte sich. Wir blieben mit unseren Erdhaufen und Viktors in der Ferne nur wenig kleiner werdenden Silhouette allein.

Ingmar atmete tief durch. „Wir machen Pause“, beschloss er. „Lass uns Eis holen.“

Im Gehen starrte ich auf die Erdhaufen. Kein Regenwurm. Nun ja, es war eben zu trocken.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Nicht nur drückten die Hitze und das Gelärm anderer Ruheloser aus der Kneipe unten wie ein Alptraum, sondern mir ging Viktor im Kopf herum. Wieso Regenwürmer? Sein Gesicht schien im Dämmerlicht dicht vor meinem zu schweben. Im Nachhinein fiel mir auf, dass er sanfte Augen hatte; Augen, die so wenig zu ihm passten wie Regenwürmer.

In den nächsten Tagen ließen wir die Mauer trocknen, verputzten bröckelnde Stellen und strichen sie in ganzer Länge neu. Viktor sah ich in dieser Zeit nicht, obwohl in der Herberge munteres Kommen und Gehen herrschte.

Dann regnete es.

„Hätte das Wetter nicht noch einen Tag warten können?“, stöhnte Ingmar.

Viel Nässe war es nicht gewesen, trotzdem war die Erde, die wir nun wieder in den Graben füllen mussten, um einiges schwerer. Und nicht nur das. Auf einmal entdeckte ich überall Regenwürmer.

Mittags tauchte Viktor auf. Da brannte die Sonne schon wieder, sodass das feuchte Gras zwischen den Herbstblättern dampfte, die der Regen von den müden Bäumen gezwungen hatte. Er stand eine Weile sinnend im kniehohen Nebel und kam dann auf mich zu. Dabei betrachtete er prüfend den Boden, bückte sich gelegentlich und scharrte darauf herum. Ich schaufelte langsamer, ließ ihn absichtlich herankommen. Sammelte er nun doch Würmer, möglicherweise um sie an Angler zu verkaufen? Er ging ein wenig schwerfällig. Die Sohle seines Stiefels hatte sich zum Teil gelöst. Als er nur noch wenige Meter von mir entfernt war, sah ich, dass er einen Wurm aufhob, den ich nicht mit in den Graben geworfen hatte. Er lag auf der Erde, die ich ordentlich festgestampft hatte, und krümmte sich. Viktor grub mit der bloßen Hand ein kleines Loch, in das er den Wurm sorgfältig hineinbettete und behutsam mit der feuchten Erde zudeckte. Er warf einen vorwurfsvollen Blick in meine Richtung. „Sie vertragen doch die Sonne nicht“, erklärte er und beäugte misstrauisch meinen blank gewetzten Spaten.

Sofort fühlte ich mich wie ein Unmensch, der mit scharfer Klinge hilflosen, nackten Lebewesen zu Leibe rückt. Schon möglich, dass ich den einen oder anderen Wurm auf dem Gewissen hatte. Wie viele mochte ich wohl ahnungslos beim Graben halbiert haben?

Viktor machte plötzlich einen schnellen Schritt auf mich zu; ich zuckte zusammen. Doch er schlug nur eine Amsel in die Flucht, die es auf einen Wurm abgesehen hatte. Solange Viktor hier war, würde sie wohl hungrig bleiben müssen.

Wir hatten nur noch einige Meter vor uns. Viktor blieb wachsam in der Nähe, bis wir fertig waren.

Ingmar und ich gönnten uns zum Abschied einen der Falläpfel, während Viktor einen letzten Kontrollgang machte.

„Tschüß, Viktor“, rief ich ihm nach, als wir uns auf den Weg machten. In der grauen Hitzehölle des Fabrikhofs, wo die Sedimente des Stadtsommers sich zu schlammigen Pfützen ballten, wartete die nächste Aufgabe auf uns.

Abends hing ich erschöpft auf meinem Balkon im fünften Stock herum und gönnte meinem Muskelkater ein kühles Bier. Meine Wohnung lag in einem ähnlich grauen Stadtteil wie die Fabrik; eine andere konnte ich mir nicht leisten. Wenigstens hatte ich eine. Wo Viktor wohl schlief, wenn er nicht in der Herberge nächtigte? Ich würde es wohl nie erfahren. Trotzdem verschwand er nicht mehr ganz aus meinen Gedanken.

Als hätte ich ihn heraufbeschworen, sah ich ihn wenige Wochen später wieder, und zwar genau unter meinem Balkon. Zum ersten Mal seit Monaten schüttete es wie aus Kübeln. Die trockene Erde konnte das Wasser nicht schlucken. Es sprudelte aufmüpfig aus den Gullys und setzte die Straße unter Wasser. In der Ferne hörte ich die Feuerwehr. Interessiert sah ich zu, wie der Wirt unten den nassen Kunstrasen aufzurollen versuchte. In diesem Moment entdeckte ich Viktor. Er hatte eine Plastiktüte in der Hand und watete, immer noch im Unterhemd, unter der triefenden Linde herum. Gelegentlich bückte er sich und hob sorgfältig etwas auf. Ich wusste sofort, was es war, holte aber zur Bestätigung mein Fernglas. Wie der alte Herr Bigalke von gegenüber kam ich mir vor, der am Leben nur noch vom Balkon aus teilnahm, doch ich konnte meine Neugier nicht bremsen. Durch das Rohr sah ich auf unheimliche Weise vergrößert wie Viktors ohnehin riesige Hand in der Brühe herumfischte und behutsam blasse Regenwürmer auffing, die der reißende Strom von ihren Löchern fortgerissen hatte, aus welchen sie gekrochen waren, um nicht darin zu ertrinken. Seelenruhig verstaute er sie in seiner Tüte, während die hektischen Menschen auf der Straße Zeit genug fanden, um einen furchtsamen Bogen um ihn zu schlagen. Die Feuerwehr pumpte unterdessen den gegenüberliegenden Keller aus.

In dieser zitternden, brüllenden, brausenden, bunten und großartigen Stadt, die sich mit immer höheren Gebäuden täglich weiter in den Himmel arbeitete und unter der sich Tunnel und Röhren rätselhaft und wirr durch die Dunkelheit schlangen, in der Menschen bekannter und unbekannter Länder friedlich und trunken miteinander Sommerfeste auf den Straßen feierten während um die Ecke Messerstechereien stattfanden und vergessene Kinder in verschlossenen Wohnungen hungerten oder Alte unbemerkt tot auf ihrem Sofa vor dem laufenden Fernseher saßen, in der Stadt, die nie schlief und die sich ausbreitete, als atme sie auf ewig ein, in der Touristen eine Mauer suchten, die es nicht mehr gab und die die Einheimischen aus ihren Köpfen zu verbannen suchten, in denen sie nicht fiel; in der Stadt, in der Museen wiedereröffneten und Kunst aus fernen Kontinenten gastierte, in der Musik und Mode Triumphe feierten, in dieser Stadt kümmerte sich Viktor um die Regenwürmer. Er tat es, als berge er genau das, was ich an dieser Stadt liebte, einfache, alltägliche, manchmal schmutzige und doch unauffällig bedeutsame Bruchstücke Leben, junge Birken mitten auf Gehsteigen, Gesichter von Menschen wie Viktor, verschnörkelte Ornamente an abrissreifen Fassaden, herrenlose Töne in der Nacht. Ich fühlte mich klein und hatte eine plötzliche Vision: wenn sich alle so zärtlich wie Viktor um diese Dinge bemühen würden, könnte Großes geschehen.

Gleichzeitig überkam mich das Bedürfnis, einigen vernachlässigten Erinnerungen und heimlichen Wünschen, die ich bisher für so belanglos wie Regenwürmer gehalten und ebenso ignoriert hatte, in meinen Gedanken endlich ein angemessenes, nicht zu feuchtes und nicht zu trockenes Plätzchen zu suchen, wo sie gut aufgehoben wären.

Zunächst aber zog ich meine Regenjacke an, ließ mir unten am Stand zwei Currywürste einpacken und folgte Viktor durch das nachlassende Unwetter. Er pflügte wie ein Kreuzfahrtschiff durch die Überschwemmung bis in den nahen Stadtpark, in dem Gärtner eine bescheidene Hügellandschaft mit Steingärten geschaffen hatten. Dort gab es trockenere Stellen, die Viktor seinen Würmern schenkte.

Als er die Allee erreichte, holte ich ihn ein. „Hallo, Viktor!“ Ich reichte ihm eine Currywurst.

„Danke“, murmelte er und sah zu mir herunter. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke und seine schräge Augenbraue stellte mir eine Frage, die für Worte zu groß war. Er erkannte mich nicht. Warum auch. Ich war nur einer von sehr vielen Menschen, die nicht an die Regenwürmer dachten.

Die Wurst dauerte bei Viktor nur drei Bissen. Dann wandte er sich ab und schritt davon, die Augen suchend auf den Asphalt gerichtet. Seinen Schuh hatte er mit rotem Isolierband geflickt.

Ich überlegte, was er wohl im Winter machte, wenn der Boden gefroren war und die Würmer unsichtbar – ob seinem Leben dann der Sinn fehlte und er aus anderen Gründen vom Sommer träumte als andere Menschen, oder ob er anderes fand, um das er sich kümmerte.

Mit der leeren Tüte in der Hand verschwand er im U-Bahnhof, als sei er wie seine Freunde, die Regenwürmer, bestenfalls unter der Erde zuhause.

Diese Geschichte stammt aus dem Buch

Patricia Koelle

Die Füße der Sterne

Dr. Ronald Henss Verlag

ISBN 978-3-939937-04-3

Die Veröffentlichung erfolgt mit Zustimmung der Autorin und des Verlags.

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