Tauben oder – jedes Lebewesen hat ein Recht zu leben

Für die einen sind sie besonders liebenswerte Vögel, für die anderen »Schädlinge«, die es zu vernichten gilt. Einst mit Tötungsaktionen, dann mit Fütterungsverboten gehen Behörden gegen die Stadttauben vor. Doch es gibt Konzepte, die ein friedliches Miteinander ermöglichen. Die Bundesarbeitsgruppe Stadttauben (BAG) ist dem Bundesverband Menschen für Tierrechte angeschlossen und hat in den 90er Jahren ein erfolgreiches tierschutzgerechtes Geburtenkontrollkonzept entwickelt, das von immer mehr Städten umgesetzt wird und dass auch von einigen Bundesländerministerien empfohlen wird.

Das und eine Menge Infos sind auf der Seite Menschen für Tierrechte zu lesen: http://tierrechte.de/v20003000.html

Stadttauben und Hafentauben unterscheiden sich nicht voneinander, lediglich das Futterangebot. In „meinem“ Hafengebiet leben nicht nur Katzen, sondern auch unzählige Tauben, da dort ständig Getreide angeliefert wird. Sei es Getreide für Mehl oder Sonnenblumenkerne für Margarine, ganz egal, denn es fällt immer was daneben.

In einer Straße halten sich wirklich Massen Tauben auf und das Gute ist, dass sie niemanden zu stören scheinen. Sie gehören dazu, wie die Ausdünstungen der Fabriken. Viele Autofahrer haben sogar Spaß daran, auf eine pickende Taubenschar zuzurasen und wenn eine der Tauben nicht schnell genug ist,  hat sie eben Pech gehabt. So einfach kann das Leben sein, denn wieder wurde eines ausgelöscht, platt gefahren und man ist ein Held, hat man doch einen unnützen Schädling beseitigt.

Wenn der Tod schnell kommt, ist er ein verdammt guter Tod. Wenn er aber auf sich warten lässt und das qualvolle Sterben vorschickt, dann ist niemandem geholfen.

So muss es  Taube Martha ergangen sein, die aller Wahrscheinlichkeit nur „halb“ von einem Auto erwischt wurde.

Ich habe schon viele Tauben in Ecken hocken sehen und man kann sie nicht alle aufsammeln. Wenn doch, so war der Tod in bisher sämtlichen Fällen gnädig und ließ nicht allzu lange auf sich warten. Manche Hilfsversuche scheitern an der Möglichkeit des Wegfliegens, somit erledigt sich das Thema und befreit – ganz ehrlich – von einer bedrückenden Last.

Taube Martha aber saß gestern Morgen vor einem fahrbereiten LKW Rad, mitten in unserer dahingehend blinden, schwer arbeitenden Gesellschaft. Ich sah, dass sie nicht mehr viel von ihrem Umfeld mitbekam und handelte automatisch. In einer dunklen Ecke sterben ist etwas anderes, als sich vor einen Reifen zu setzen, der vielleicht nicht richtig trifft. Ich hielt an und ging langsam auf Martha zu. Lebenswille war noch jede Menge vorhanden, aber die Umsetzung nicht. Sie breitete ihre Flügel aus und stieg fünf Meter in die Luft, aber sie drehte linksdrehende Kreise und plumpste erschöpft mitten auf die Straße. Die Stellung ihres Kopfes ließ ebenfalls nur eine Linkshaltung zu.

Ein erneuter Versuch war erfolgreicher und ich bekam die Taube zu fassen. Sie blickte mich an und ich fragte: „So, wohin mit dir? In eine dunkle Ecke setzen kommt gar nicht in Frage, also kommst du mit. Entweder du schaffst  es nicht oder wir werden sehen.“

Martha überlebte die Nacht, obwohl sie sich halb auf ihrem herunterhängenden Kopf  stützte und halb auf einem Bein in typischer Schlafstellung ruhte, weder  Körner picken noch trinken konnte. Manchmal kugelte sie regelrecht durch den Käfig und ein Besuch in der Tierklinik war angesagt.

Am Empfang wurde ich nach einem Blick auf die Taube gefragt, ob ich sie nur zum Einschläfern abgeben wolle. Aber das kam nicht in Frage, und somit warteten Martha und ich gemeinsam.

Wir hatten umwerfendes Glück, da sich der Diensthabende Tierarzt mit  Tauben auskennt. Er testete als erstes Marthas Flügelschlag und beurteilte ihn als Kraftvoll. Er tippte auf ein Hirntrauma, verursacht durch obligatorischen Schlag.  Ich war überrascht, da er zwei Möglichkeiten anbot: Einschläfern oder Versuch. Wenn sich nach zwei bis drei Tagen keine Besserung zeige, könne man das Tier immer noch erlösen.

Selbstverständlich Versuch, denn Martha ist ein Lebewesen mit Lebenswille! Somit bekam sie eine Spritze gegen Schmerzen und eine Aufbauinfusion. Ich bekam eine Einwegspritze mit, mit der ich sie füttern kann / soll, wenn sie es denn zulässt. Am besten sei Katzenfutter in Wasser aufgelöst und alle paar Stunden gegeben.

Die erste Mahlzeit hat sie hinter sich und steht nun draußen auf dem Balkon in der mild scheinenden Sonne.

Mal sehen. Viel Hoffnung mache ich mir nicht, aber die stirbt ja bekanntermaßen zuletzt.

Ich weiß zwar, dass Tierärzte gefundene und verletzte Wildtiere kostenlos behandeln müssen oder können. Trotzdem hatte ich meine Geldbörse dabei und hätte nach Abnicken der Diagnose „Versuch“ diese Behandlung selbstverständlich bezahlt, doch wurde mir am Empfang mitgeteilt, dass der Herr Doktor keinen kostenpflichtigen Eintrag getätigt habe und –  viel Glück!

Das sind diese winzigen Kleinigkeiten im Leben, diese wahren Geschenke, die einen doch immer wieder Hoffnung schöpfen lassen, dass nicht alles vergebens ist und man manchmal nicht alleine kämpft. Sogar für Lebewesen, die von den meisten Menschen als Schmutz angesehen werden.


5 Kommentare zu “Tauben oder – jedes Lebewesen hat ein Recht zu leben

  1. toi, toi, toi für die Taube, in welche Richtung die Entwicklung auch gehen mag – dass es das für sie beste wird…
    ich bin von Deinem wachen Blick und Deiner Handlungsbereitschaft sehr beeindruckt Sabine – Danke dafür!

  2. Alles Gute für diesen gefiederten Freund. Ich gehe stets „wachsam“ durch unsere Fußgängerzone, denn auch dort leben sehr viele Tauben. Bisher konnte ich – zum Glück – noch kein verletztes Tier entdecken, aber bekomme immer die Panik, wenn es Leute gibt, die mit ihrem Auto einfach weiterfahren, wenn eine Taube auf der Straße sitzt. 😦
    Ich hoffe, Martha erholt sich und es geht ihr bald besser und finde es bewundernswert, wie Du gehandelt hast. Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen so wären. Dann wäre das Leben lebenswerter, insbesondere für Tiere.
    Herzlichst, Nadine

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