In Erinnerung an unsere Princesa

Nun habe ich Zeit, denn Zeit war es, die bisher fehlte um Princesa ein würdiges Denkmal zu errichten.

Manchmal geht das einfach , weil es aus einem heraussprudelt, doch bei Princesa ist es etwas schwieriger, aber das weiß sie. Dreimal sahen wir uns und nur einmal kamen wir in näheren Kontakt. Der einzige Kontakt war jedoch intensiv, so intensiv, dass mir erst im Nachhinein diese Bedeutung klar wurde.

Es war 2007, als ich als Flugpatin zum zweiten Mal zur Finca Lucendum flog, um drei vermittelte Hunde nach Deutschland zu bringen, beziehungsweise sie zu begleiten. Es war der Samstag, als Gisela anfing das Haus zu putzen und wobei ich unbedingt helfen wollte. Aber das wollte sie nicht, ich sollte mich ausruhen. Gut, das konnte ich nachts, aber was dann? Ich sollte mit den Hunden spazieren gehen, wobei unter anderem Oskar und Paulinchen und Forest und ich weiß nicht mehr wer, zur Auswahl standen. Es war sehr enttäuschend, denn alle auserwählten gingen bis zur Zaungrenze mit und drehten wieder um, denn Mama kam nicht mit.

Forest, der vermittelte und am nächsten Tag Mitfliegende Jaghundmischling überlegte nicht lange. Raus, raus, Spaß haben und an der Leine zerren. Und Princesa stand bereit, obwohl sie ansonsten kaum zu sehen war. Ihr Lieblingsplatz war Ralfs Schlafzimmer, wo sie Ruhe hatte und wo sie die immer wechselnde Meute nicht störte. Princesa ruhte in sich und niemand wagte, sie in ihrer ausgesuchten Stille zu stören. Sie stand da und schaute mich an, und wir gingen los. Eigentlich flogen wir los, weil Forest zerrte. Wir gingen den Feldweg entlang, hielten uns links und wieder links, aber da ich mit wenig bis gar keinem Orientierungssinn gesegnet bin, hielt ich mich an Princesa, die genau wusste, wo und wie wir gehen mussten. Und wir redeten, wie zwei Freundinnen, die spazieren gehen. Ich war verwundert, weil sie den schnellen Schritt des Jungspundes trotz ihrer Verletzung einhalten konnte. Sie ging energisch und voller Energie voraus. Irgendwann merkte selbst ich, dass wir auf dem richtigen Rückweg waren und Princesa merkte auch, dass ich es merkte. Sie verließ Forest und mich und erkundete die Felder. Ich machte mir Sorgen, weil ich sie nicht alleine zurücklassen wollte, aber sie zeigte, dass alles in Ordnung sei. Forest ließ mir nicht viel Zeit zum Nachdenken und somit flog ich zur Finca zurück. Ich sagte noch, dass unsere Rübe noch unterwegs sei, aber Gisela und Ralf beruhigten, sie käme zurück. Und das tat sie auch, Stunden später. In Ruhe, in Stille, wie sie es wollte.

Chico, ihr bester Freund

Princesa war eine der ältesten Hündinnen auf der Finca Lucendum. Sie erlebte die Anfänge, wie sie erst zwei, dann drei und irgendwann siebzig Vierbeiner waren. Mal mehr und mal weniger, das schwankte ab dem Zeitpunkt, als Gisela und Ralf nicht anders konnten und ihr Zuhause den hilflosen, verstoßenen, jungen, alten und kranken Hunden öffneten. Giselas und Ralfs Hunde zu der Zeit waren Strolch und Lorbas. Damals gab es noch keine Finca Lucendum, lediglich den Wunsch dort Wurzeln zu schlagen.

Strolch, Lorbas, Gisela und Ralf machten regelmäßig Urlaub in Spanien, die Finca Lucendum war bald in Planung und  die vier gingen zu jener Zeit oft spazieren. Princesa ahnte das alles, denn ihr Lebenswille und ihr Scharfsinn bewahrten sie vor einem Leben auf der Straße.

Sie war noch ein Welpe, als Strolch sie während eines solchen Spazierganges in einem Gebüsch entdeckte. Dort hatte sich Princesa versteckt. Verlassen, verstoßen oder beides zusammen. Strolch schnupperte in besagtem Gebüsch und muss Princesa einen seiner typischen Hinweise gegeben haben, jedenfalls kroch dieser kleine unterernährte Welpe hervor und heftete sich fest entschlossen an Strolchs Fersen. Er folgte dem Trupp  und marschierte tapfer hinterher. Aus vier Wanderern wurden fünf, bis dieser Welpe sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, kommentarlos auf den Arm genommen und mit nach Hause genommen wurde.

Princesa bekam die Übergangszeit mit, als in einem Zuhause in Deutschland gelebt wurde und die Finca Lucendum immer weiter wuchs. Bald war es an der Zeit und der Umzug stand an, bei dem ein langes Leben zurückgelassen wurde und ein Neustart begann. Princesa war stets dabei, zusammen mit ihren Freunden Strolch und Lorbas. Sie genoss ihr neues Leben in Spanien, ihrer ursprünglichen  Heimat und hatte sich inzwischen längst zu einer willensstarken Rübe entwickelt. Sie rannte von da an unaufhaltsam über weite Felder, genoss ihr Leben, ihre Freiheit und kam stets Schwanzwedelnd, mit strahlenden Augen  und lächelnd zurück. Niemals kam es ihr in den Sinn ein anderes Tier zu jagen oder gar zu töten, sie liebte das Leben und jedes Lebewesen.

Eines Tages jedoch kam Rübe nicht wieder nach Hause. Angst gepaart mit Panik brach aus. Drei Tage lang suchten Gisela und Ralf sie  –  Stunden, die wie Ewigkeiten schienen. Am dritten  Tag standen sie auf der Terrasse der Finca und sahen weit entfernt, wie sich „etwas“ mühsam den Weg heraufschleppte.

Gisela  setzte sich sofort ins Auto und fuhr schnellstmöglich zu diesem „Etwas“. Ihre Ängste bestätigten sich, denn es war Rübe. Sie sprang aus dem Auto und nahm  Princesa in den Arm. Sie versuchte sie zu trösten, zu beruhigen.  Rübe muss unvorstellbare Schmerzen gehabt haben, denn mit Schrecken stellte Gisela fest, dass ihr linker Unterschenkel lediglich  mit wenigen Sehnen verbunden war. Sie hob sie ins Auto, nahm sie auf ihren Schoß, fuhr zur Finca Lucendum, ein Telefonat mit der Tierklinik musste geführt werden und Gisela und Ralf fuhren los. Rübe war entspannt und stark und wusste sehr genau, was mit ihr geschehen war.

Gisela und Ralf wussten es damals nicht, aber der behandelnde Arzt sagte ihnen, dass Rübe in eine Fuchsfalle geraten war und über Tage versucht hatte sich selbst zu befreien, was ihr auch gelungen war. Dem starken Mädchen, mit dem unbändigen Lebenswillen. Zwei Operationen folgten, bei denen sie einen Metallstab ins Bein bekam. Schnell lernte sie damit zu leben, aber Ausflüge wollte sie nicht mehr machen.

Jahre später bemerkten Gisela und Ralf, dass es Rübe  nicht wirklich gut ging. Die Ärzte stellten Leishmaniose und eine Herzschwäche fest. Aber auch das nahm Rübe gelassen hin und freute sich täglich auf ihre Leberwurst, in der die Tabletten versteckt waren. So lebte Princesa ein gutes Leben und akzeptierte jeden Neuankömmling, hielt sich allerdngs zurück und wollte mit dem Rudel nur wenig zutun haben.

Vor einigen Wochen schwebte die Angst über der Finca, denn Rübe wollte nicht mehr leben. Sie wurde immer müder, hatte keinen Appetit mehr  und ihre Blicke gingen immer öfter ins Leere. Als ob der Lebensstrom Tröpfchenweise aus ihr herausfloss,  sanft und leise. Ihr verletztes Bein musste untersucht werden, weil die alte Wunde immer wieder aufging, blutete und nässte. Tägliche Verbände sollten helfen, da keine andere Lösung gefunden werden konnte. Niemand wollte ein Risiko eingehen und Princesa in ihrem Ablauf stören.

Eines Morgens roch Gisela Blut und ging durch das ganze Gelände, durchs Haus und suchte. Aber da war nichts und niemand anders roch denselben Geruch. Rübe ging es nicht gut und Gisela sprach mit ihr. Sie fragte, ob sie sie zu einem Tierarzt bringen sollte, aber Princesa wollte nicht.

Die darauf folgende Nacht verlief ruhig und auch Princesa verhielt sich normal. Sie hatte einen neuen Verband um, sie störte niemanden und wusste genau, was sie tun musste. Ihren Verband nahm sie sich ab, dann ging sie durchs Haus, vermiet allerdings das Sofa oder Betten zu benutzen. Sie ging ein letztes Mal eine Runde durch das Haus und über das Fincagelände. Ihr Bein blutete und sie hinterließ ihre Spuren …

Gisela fand unsere Freundin am nächsten Morgen, wie sie entspannt und für immer schlafend unter ihrem Olivenbaum lag.

Ein starkes Wesen, das nicht nur eine Hündin gewesen sein kann.

Mach es gut, liebe Rübe und bis bald. Jetzt bist Du bei Deinem Freund Strolch und siehst auch Lorbas, Oskar, Simon, Mimo, Pepita und all die anderen wieder, die vor Dir gegangen sind.

Deine Sabine

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