Telefongespräch mit Mutti

Das war die erste Kurzgeschichte, die ich von Bettina las. 2006 war das und eine gefühlte Ewigkeit her. Doch  habe ich sie nie vergessen, weil sie trotz ihrer Kürze spannend geschrieben ist und  hier perfekt zum Thema passt.

 

© Bettina Buske

Sie unterschrieb dem Postboten die Empfangsbestätigung des Briefes und schloss ohne einen Gruß die Tür.

Ihre Hände zitterten so, dass sie das Adressfeld des Umschlags nicht entziffern konnte. Brauchte sie auch nicht, denn dieses Schreiben hatte ihr Unbewusstes schon erwartet, seit sie im Krankenhaus war. Aber ihr Bewusstes hielt mit vielen vernünftigen Argumenten dagegen. Seit Anfang an dabei, die Abteilung aufgebaut, in den Anfängen des kleinen Unternehmens alle anfallenden Arbeiten gemacht, viele Überstunden in Stosszeiten und dem Chef aus so mancher Krise geholfen, da wird er sie doch nicht entlassen, wenn sie mal etwas länger krank ist. Sie saß am Küchentisch und starrte auf den Umschlag. Gestern noch hatte sie mit dem Chef telefoniert, dass sie aus der stationären Behandlung entlassen wird und voraussichtlich in einem Monat… das hat sich jetzt wohl erledigt. Ich werde mir erst einmal eine Tasse Kaffee machen, dann lese ich den Brief, aber Pralinen, die Nervennahrung brauche ich jetzt. Mensch, wer lässt denn da solange sein Baby weinen. Sie ging ans Küchenfenster und suchte die Fenster des gegenüberliegenden Hauses ab, es waren alle geschlossen. Bei uns wohnen doch nur alte Leute im Haus, da kann das auch nicht herkommen.

Ihr Blick fiel wieder auf den Briefumschlag. Sie öffnete den Vorratsschrank und suchte sich von den Pralinen ihrer Geburtstagsfeier den besten Kasten, goss das Kaffeewasser auf und deckte sich den Kaffeetisch so, dass sie aus dem Fenster sehen konnte. Das Weinen war noch immer zu hören und fing an, sie zu beunruhigen. Wird schon nichts sein, dachte sie und goss den Kaffee in die Tasse.

Nun kam zu dem Babyweinen auch noch das Geschrei eines Schwarms von Krähen, die an ihrem Fenster vorbei Runden über den Innenhof flogen. Der Kaffee war heiß und bitter. Sie öffnete den Pralinenkasten und suchte nach Marzipan. Jetzt schmeckte auch der Kaffee.
Das Baby schrie und der Hof wurde von Krähen belagert. Geradezu höhnisch klang deren Geschrei. Mit dem Stiel des Teelöffels öffnete sie den Briefumschlag. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass zwei Männer auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses waren.
Wo kommt nur das Babyweinen her? Sie stand auf und lehnte sich aus dem Fenster und nun sah sie, dass die Krähen eine der großen Pappel vom Hof umkreisten. Weit oben in der Krone klammerte sich eine schwarze Katze mit weißem Latz am Stamm fest. Sogar in ihrer Küche konnte sie die schreckgeweiteten Augen der Katze erkennen. Das Tier tat ihr leid, sie wurde zornig auf die Krähen und gleichzeitig war sie froh, dass es eine Katze war, die so jämmerlich schrie.
Sie zog den Brief aus dem Umschlag. Ein Blick auf das Blatt bestätigte ihre Befürchtungen. In diesem Augenblick fühlte sie sich wie die Katze auf der Pappel, hilflos und verhöhnt. Ihre Hand holte aus der Konfektschachtel eine goldene Tüte, gefüllt mit hellem Nougat, nach Marzipan ihr liebstes Praline .  Sie las … kündigen wir sie aus betriebswirtschaftlichen Gründen zum 15. März.
Das Nougat lag wie eklige, klebrige Schmiere auf ihrer Zunge. Schnell trank sie Kaffee nach. Auf dem Dach gegenüber war Bewegung, einer der Männer redete mit lauter Stimme. Sie sah auf und lief zum Fenster. Die Männer standen am Rand des Daches, hatten einen großen, festen Beutel an ein Seil gebunden, das als dicker Ring über dem Arm des sprechenden Mannes hing. Die Katze schrie nicht mehr ganz so erbärmlich, eher maunzte sie bittend. Der Sprecher, wie sie den Katzenbesitzer in Gedanken nannte, lies den Beutel wie einen Propeller kreisen, schneller und schneller. Gebannt stand sie am Fenster. Jetzt gab es für sie nichts auf dieser Welt, was wichtiger war als diese Katzenrettung. Der Beutel flog durch die Luft und verfehlte sein Ziel. Sofort begannen die Krähen wieder mit den höhnischen Umkreisungen der Pappel. In ihr stieg Furcht auf, an einem Drama teilzuhaben und doch musste sie auf den Ausgang der Aktion warten, die Hoffnung dass es gut ausgehen könnte, wollte nicht weichen. Es musste gut ausgehen, ihr war, als würde ihr zukünftiges Glück vom Ausgang der Katzenrettung abhängen. Wieder kreiste der Beutel, kreiste und kreiste, flog, landete in der Pappel, aber viel zu tief. Der Mann, den sie in Gedanken Sprecher nannte, zog und zerrte am Seil, bis sich der Beutel aus den Ästen gelöst hatte. Wie ein Gebet sprach sie in Gedanken: „Hoffentlich gibt er nicht auf, hoffentlich gibt er nicht auf.“
Er gab nicht auf, lies den Beutel kreisen, lies ihn fliegen und diesmal landete der Beutel an einem Ast genau unter der Katze. Einladend war die Öffnung des Beutels der Katze zugewandt. Das Tier erkannte seine Chance und kletterte hinein. Erleichtert stieß sie die Luft aus. Jetzt war die Spannung groß, wie die Männer zu dem Beutel kommen werden. Kaum hatte sie das angedacht, zog der Sprecher am Seil, der Beutel samt Katze flog durch die Luft und stieß an die Brandmauer.
Der Zuschauerin am Fenster wurde flau im Magen als sie sah, wie die Katze panisch versuchte den Beutel zu verlassen. Die Männer auf dem Dach holten mit lang ausholenden Bewegungen das Seil ein und bevor die Katze aus dem Beutel war, schlug sie schon auf dem Dach auf. Dann sah sie von ihrem Fenster aus, wie der Mann, den sie in Gedanken den Sprecher nannte, eine große schwarze Katze, die sich eng an ihn schmiegte, im Arm hielt. Das letzte, was sie sah, war der breite Rücken des Sprechers, über den ein hübsches Katzengesicht in die Gegend sah, bevor die Männer die Bodentreppe betraten. Sie ging zum Telefon und rief ihre Mutter an.
„Mutti, ja mir geht es schon viel besser, richtig gut. Du, ich bin entlassen worden. Kannst Du bitte einen Termin bei Deinem Anwalt für mich machen?




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