Leben mit wilden Katzen – Über Tierarztbesuche und Vertrauen

Schon seit einiger Zeit reden Sabine und ich darüber, dass wir gerne in der Katzenheimat eine eigene Info-Seite über das Leben mit wilden Katzen einrichten würden. Das darin auch das Thema „Tierarztbesuche“ vorkommen würde, war mir klar, wie extrem sich diese gestalten können hingegen nicht. Meine Erfahrung mit Lisbeth, die ich am Dienstag machen „durfte“ zeigt, wie tief die Angst im Einzelfall mit diesen Tieren verwurzelt sein kann.

Lisbeth ist schon seit einiger Zeit rollig. Tageweise krauchelt sie mit erhobenem Hinterteil in der Wohnung umher und schreit, dass einem jedes Mal das Herz stehen bleiben möchte. Da die Rolligkeit ihres Sinnes entbehrt, wenn kein Kater zur Hand ist und ich Lisbeth auch nicht die chemische Keule verpassen wollte, habe ich mich natürlich dafür entschieden, Lisbeth kastrieren zu lassen. Da die Kastration nicht während der extremen Tage erfolgen sollte, war es schwierig einen „normalen“ Tag abzupassen, an dem dann aufgrund der Wetterverhältnisse die Praxis auch angefahren werden konnte. Aufgrund des Tauwetters sollte das am Dienstag geschehen und so habe ich sie nach einem absolut problemlosen Einfangen (die einzige Schwierigkeit daran war, Gretchen aus der Box fernzuhalten, um Lisbeth reintun zu können) zur Praxis gefahren. Sobald alles über die Bühne gegangen sei, sollte ich einen Anruf bekommen und Lisbeth wieder abholen können. Der Anruf kam, ich sollte Lisbeth abholen, aber kastriert sei sie nicht.

Was war passiert? Es ist nicht gelungen Lisbeth in Narkose zu legen. Als zweiter Fall in der gesamten Karriere der Tierärztin hat Lisbeth „paradox“ auf das Narkosemittel reagiert. Die Dosis wurde gesteigert, bis es nicht weiter zu vertreten gewesen wäre, aber meine kleine wilde Katze, die Zuhause (wenn sie Lust hat) schon auf ein „Hopp Lisbeth“ hin neben mir auf die Couch springt, hat es geschafft mit einer mehrfachen Dosis des Narkosemittels in der Praxis noch den Tanz der Teufel zu veranstalten, hat geknurrt, gefaucht, das Mäulchen aufgerissen und gedroht. Nichts zu machen. Katze musste ohne die erforderlichen Modifikationen wieder mitgenommen werden.

Woran es tatsächlich lag, wer kann das schon so genau sagen. Es kann aber einfach sein, dass sie aus purer Angst einen dermaßenen Adrenalinspiegel produziert hat, der sie schlicht wach gehalten hat. Ich war beide Male dabei, als meine Hündin Gini für ihre Bandscheiben OPs in Narkose gelegt wurde. Zugang gelegt, Spritze gegeben, Arzt sagt „Nicht erschrecken, gleich ist sie weg“ und sie war immer schon weg, bevor Arzt ausreden konnte.

Aber als ich in die Praxis komme, sitzt Lisbeth in ihrem Körbchen und ist alles andere, nur nicht weg. Das einzig ungewöhnliche ist, dass ihre Zunge ein wenig hervorschaut. Die Tierärztin entlässt uns, denn Lisbeth kann nun inzwischen nicht mehr in Narkose fallen, wir dürfen also fahren. Im Bezug auf die Narkose sind wir uns aber gar nicht mehr so sicher, denn kaum ist hinter ihr die Autotür zugeschlagen und wir losgefahren, lässt Lisbeth sich nieder und schläft augenblicklich ein. Wenige Kilometer schläft sie so tief, dass wir anhalten und in der Praxis anrufen. Aber es ist alles ok. Sie ist müde und schläft. Und schläft. Und schläft. Manchmal so tief und fest, dass ich Angst habe, dass sie tot ist. Die Tierärztin hat gesagt, dunkel und warm halten. Ich mache ihr also ein Bettchen zurecht neben mir auf der Couch und knacke alle Stunde einen neuen Taschenwärmer und schiebe ihn ihr unter, so lange, bis der kleine Körper endlich wieder von alleine hochheizt und sie das erste Mal von der Couch springt und durch die Wohnung taumelt bis sie Gini gefunden hat und sich an ihr reiben kann. Dann setzt sie sich wieder hin und ich decke sie wieder zu und sie schläft weiter. Endlich nach einer weiteren Stunde ist sie zwar immer noch sehr sehr wacklig auf den Beinen, aber sie möchte gerne Futter haben und außerdem auf  ihren Kratzbaum rauf. Ich kann sie davon nicht abhalten, also stapele ich einfach Kissen drumherum, damit sie weich fällt, wenn die Schwerkraft ruft. Die ruft zwar, aber Lisbeth fällt nicht und kringelt sich ungelenk aber entspannt in ihrer Liegemulde zusammen.

Irgendwann nächste Woche bekommt unsere Tierärztin ein Gasnarkosegerät, das soll auch die stärksten Schlafverweigerer in den Schlaf zwingen. Da versuchen wir es noch einmal.

Ich habe diesen Bericht nicht geschrieben, um abzuschrecken, noch gehe ich davon aus, dass sich Operationsversuche bei einer Mehrzahl von wilden Katzen so abspielen. Vielleicht war Lisbeth besonders empfindlich, weil sie frisch aus dem Dachboden weggefangen in diese Praxis gebracht und geimpft wurde, was auch ein unaussprechliches Drama war. Vielleicht ist sie aber nur einfach ein Exemplar Katze, das von der körperlichen Beschaffenheit auf das Mittel paradox reagiert hat. Lisbeths Beispiel ist ein Extrem und worauf ich Euer Augenmerk letztendlich lenken möchte ist:

Diese kleine Wilde hat sich nach all dem Stress und der Angst bei uns geborgen gefühlt und es sich erlaubt einzuschlafen, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit neben mir zu liegen, sich streicheln zu lassen und Nähe so lange zuzulassen, bis sie am nächsten Tag wieder voll auf den Beinen war und rechtschaffen empört schauen konnte, wenn man Anstalten machte, sich ihr außerhalb der genehmigten Wohnungsbereiche zum Streicheln zu nähern. Sie ist sogar zu mir gekommen, damit ich sie zu ihrem Futter hebe. Was ihr sonst im Traum nicht einfallen würde und sie am nächsten Tag natürlich nicht mehr wahrhaben wollte.

Wie ihr seht; eigentlich macht dieser Bericht also Mut und gibt Zuversicht. Mit den kleinen Wilden dauert vielleicht einiges länger, aber am Ende steht das Ergebnis für sich.

Ich verabschiede mich mit einem Foto von Lischen und Gretchen beim „Weihnachtsfrühstück“. Sentimental wie ich bin hatte ich für alle Vierbeiner Schälchen mit purem weißen Thunfisch und Wachtelei besorgt. Sie waren so entgegenkommend das Ganze mit Genuss zu verspeisen. In solchen Situationen sind dann auch die Kätzinnen ein Herzchen und eine Seele.

5 Kommentare zu “Leben mit wilden Katzen – Über Tierarztbesuche und Vertrauen

  1. Somit beweist sich erneut, dass alles hat so sollen sein und LiLi ein außergewöhnlicher „Fall“ ist. Unter anderem stellt sie Millionenfach bewährte Narkosemittel in Frage. 😉

    Zweimal wurde sie bei einem Tierarzt behandelt. Einmal die Spritze gegen Wurmbefall, wo sich damals schon heftigst gegen wehrte und dann gemeinsam mit Dir, wegen der Impfung. Das alles kann jedoch nicht zu einer Panik vor Tierärzten geführt haben, eher Instinkt: Ich kann dann nicht mehr reagieren.
    Ihre Mutter konnte bis heute nicht gefangen werden, obwohl es immer wieder versucht wird und manch eine Katze während dieser Zeit sogar ein zweites Mal in die Falle ging.

    Ich möchte jetzt nicht in Deiner Haut stecken, Christine, da Du ihr Vertrauen ein weiteres Mal missbrauchen wirst, werden musst. Aber Du bekommst das hin, ich bin ganz sicher.

    Bisher hörte ich von dieser immens großen Kraftanstrengung nur in unglaublich traurigen Fällen, bei denen sich kranke Tiere gegen eine Erlösung sträubten. Das stelle ich mir traumatisierend vor, für alle Beteiligten.

    Danke für Deinen Bericht, der ein gelungenes Wechselbad der Gefühle mit sich bringt!

  2. Beim Lesen fiel mir jetzt auch sofort die Gasnarkose ein. Ich bin gespannt, ob ihr damit Erfolg habt … schonender für den Organismust ist es ja alle mal!

    Ich kenne das Problem von den Eurasiern. Meine Eltern haben (jetzt leider nur noch einen) … aber beide sind nie in Narkose gegangen. Sie brauchten immer etliche Nachdosen.
    Bei befreundeten Eurasierhunden sieht es genauso aus. Keiner weiss warum …

    Liebe Grüße,
    Sylvia

  3. Pingback: Die siebte Woche bricht an « Katzen-Heimat-Blog

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