Futterstellen – oder dort, wo Lisbeth herkommt

Hier kam Lisbeth zur Welt, in einer Katzenkolonie, die aus ungefähr zwölf Tieren besteht.

Ein mehrere Hektar großes, ungenutztes und  verwildertes Gelände, das an einer Aluminium Fabrik anschließt und höchstens fünfzig Meter von einer Hauptverkehrsstraße entfernt liegt.

Seit Jahren leben dort Katzen und aufmerksam gemacht wurde ich von einem Katzenfreund, der eines Sonntags auf seinem Motorroller spazieren gefahren war, die Katzen entdeckt hatte und mich aufgeregt anrief.

Er könne dem Tier nicht helfen, aber just in diesem Moment sitze eine junge Katze vor einem gefüllten Napf und würde verhungern. Auf Nachfrage kam heraus, dass dieses Tier nicht nur keine Nahrung zu sich nehmen konnte, sondern übersät war mit Fliegeneiern.

Da mir  an diesem Tag ebenfalls kein Auto zur Verfügung stand  rief ich Frau N. an, die in der Nähe wohnt und sich sogleich auf den Weg machte. Dort angekommen hatte der Katzenfreund das Tier bereits in den offen stehenden Koffer seines  Rollers setzen können, so dass Frau N. die Katze leicht in eine Transportbox übernehmen und sie zu einem Notdienst fahren konnte. Die Diagnose war schnell gestellt, denn  es handelte sich um die Immunschwächekrankheit  Katzen – Aids = FIV.

Das Tier hatte, laut Diensthabender Tierärztin, Überlebungschancen und neben erster Versorgung wurde das Fell geschoren, damit Fliegeneier, die hauptsächlich auf der Rückenpartie abgelegt worden waren, beseitigt werden konnten. Möchte man sich nicht weiter ausmalen, was anschließende Maden mit dem Tier gemacht hätten, wenn es nicht rechtzeitig entdeckt worden wäre…

Frau N. benachrichtigte den örtlichen Tierschutzverein und es war großes Glück im Unglück, denn innerhalb von wenigen  Tagen konnte das kranke Tier in einer, auf FIV spezialisierte, Pflegestelle untergebracht werden.

Nun kam die Aufgabe  sich um diese Katzenkolonie im Allgemeinen zu kümmern. Wer versorgte dort – denn Augenscheinlich war der oder die Versorger überfordert oder gleichgültig.  Ich klebte  einen Hinweis an den Eingangszaun, dass sich bitte jemand unter der angegebenen Telefonnummer melden solle. Es standen Futterschalen und Milchreste überall verstreut herum, eine Art Container war gefüllt mit Müll und Scherben der zertrümmerten Glasfront. Ein altes einstöckiges Haus, das mit Sicherheit Unterschlupf für die Katzen bot, war ebenfalls voller Müll und Dreck.

Es dauerte nicht lange und eine ältere Frau rief an, denn sie, ihr Mann und eine Bekannte würden die Katzen täglich versorgen. Sie fütterten seit Jahren, da sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnen, es würden aber immer mehr Katzen und ja, sie würden sich alleine gelassen fühlen und seien überfordert.

Somit war nun jedes kommende Wochenende für Frau N. ausgelastet, mit Einfangen, Tierarztfahrten und Unterbringung der jeweiligen Katze oder Kater in der bekannten Dachkammer. Viele Jung und Babykatzen konnten anderweitig untergebracht und vermittelt werden – ja, ein gutes Jahr, das Jahr 2008, wo es noch Möglichkeiten gab.

An einem Samstag krempelten Frau N. und ich die Ärmel hoch und entmüllten den Container, denn er schien optimal geeignet,  als Unterschlupf für sämtliche Katzen zu dienen. Es war eine ehemalige, so genannte, Pommes Bude, mit noch vorhandenen Stehtischen und viel Raum.

Das verfallene Haus sahen wir uns auch an, aber daraus etwas zu machen würde Jahre in Anspruch nehmen und wer weiß, wer etwas dagegen einzuwenden hätte. Wir sahen uns vorsichtig darin um und irgendwie hatte man immer das Gefühl eine versteckte Leiche zu finden. Wir fanden auch eine. Eine Katzenleiche, die bereits verwest in einem offenen Karton lag. Bisher interessiert sich niemand für dieses Gelände und wir alle hoffen, dass es noch lange so bleibt!

Nachdem der Container komplett leer geschaufelt und gereinigt werden konnte, musste er eingerichtet werden. Auch das war einfach, denn ich fragte eine Bekannte, die in einer (gehobenen) Einfamilienhaussiedlung lebt. Ich bat sie ihre Nachbarn zu fragen, ob sie Körbe, Decken oder wärmendes Material entbehren könnten. Als ich die gespendeten Sachen abholen konnte staunte ich nicht schlecht, denn der Korridor der Bekannten war voll gepackt mit gebrauchten Katzenhöhlen, Tüchern, Körben und Decken. Zu einem Nachbarn sollte ich persönlich kommen, denn er hatte einen Wohnzimmerteppich abzugeben, den er ansonsten auf den Sperrmüll werfen würde. Ich sah mir den Teppich an, doch der war viel zu groß. Sofort zückte der gute Mann ein Teppichmesser und schnitt den dicken Teppich in vier Teile. Dankend angenommen!

Mitsamt dicken Styroporplatten, die in dem verfallenen Haus herum lagen, entwickelte sich der Container zu einem ordentlichen Winterquartier.

Einziges Problem war, dass die Vorderfront zerstört wurde und Regen jederzeit Einlass fand. Es musste Handwerkliches Geschick walten, aber da kam das ältere Ehepaar ins Spiel, das nun Gefallen an Veränderung und Fortschritt fand. Zum Glück ist der Mann geschickt und kennt sich mit Hammer und Nägel aus. Er ist auch flexibel, hat Zeit, ein bisschen Geld übrig und kann zu einem Baumarkt fahren. Somit schaffte er mit dicker Folie und zusätzlichem Ideenreichtum weitere Möglichkeiten, um für Trockenheit und Wärme zu sorgen.

Inzwischen sind zwei Jahre vergangen und als ich am Freitag hinfuhr um die Fotos zu knipsen, war mir nicht wohl in meiner Haut, denn in meinen Augen gehört Sauberkeit zum gesund erhaltenden Katzenleben dazu. Aber das Gefühl bringt einen Plan mit sich, der erneut sagt: Kümmern – wenn Zeit.

Mittlerweile ruft das Ehepaar allerdings sofort an, sobald es kranke Tiere oder auch verstorbene zu vermelden gibt. Daher wurden auch rechtzeitig Lisbeth und ihre zwei Geschwister entdeckt. Lisbeths Schwester war von Anfang an zahm, sie konnte von der Versorgerin in eine Box gesetzt werden, die ich mitsamt der schwarzen Lisbeth – Schwester abholte und in der Dachkammer wieder frei ließ. Sie ist inzwischen gut vermittelt.

Ein Geschwisterchen lebt immer noch an besagter Stelle. Eine Lebendfalle steht dem Ehepaar zur Verfügung, aber bisher hatten sie, laut eigener Aussage, kein Glück. Und wieder: Auch darum muss man sich kümmern.

Lisbeth wurde per Falle gefangen, ihre und ihrer zwei Geschwister Mutter scheint zu schlau, denn sie konnte bisher nicht sterilisiert werden. Einen unkastrierten Kater gibt es in dieser Kolonie nicht mehr, aber es kommen „vom Himmel fallende“ und sich vermehren wollende Kater ständig hinzu. Die bleiben natürlich nicht, denn sie sind ja irgendwo zu Hause…

So kann es gehen, wenn das  Glück mitspielt:

Mäusejagd ganz anders als in Freiheit

Lisbeth ist Zuhause ...

An dieser Stelle verleihe ich meinen  persönlichen, sinnbildlichen Award an Christine, Manuela, Tanja und Adi. Es lohnt sich immer, auch wenn eigene Einschränkungen vorprogramiert sind. Junge Tiere brauchen mehr Geduld und Verständnis, und alte wilde geben Dankbarkeit doppelt und dreifach zurück.  Durch diesen Blog lernte ich somit weitere Menschen kennen, die sich einsetzen und helfen, wo sie können. Danke Euch, im Namen unendlich vieler ungesehener und scheuer Katzen, die irgendwo existieren und deren gewohntes Umfeld von ständiger Veränderung bedroht ist. Die wie ihre Urahnen leben, und auch wenn wir ihnen helfen können, so wissen wir  nicht einmal, ob sie das Helfen mögen. Durch viele Tierschutzorganitionen, wie zum Beispiel dem WWF, werden auf Tiger, die vor dem Aussterben bedroht sind, aufmerksam gemacht. Eine kostenintensive Kampagne, die wahrscheinlich nicht das bewirken wird, was sie verschlingt. Deshalb hier im Kleinen, wo beinahe jede Katze einen Namen hat und wo vor Ort geholfen werden kann, soweit möglich.

Danke, im Namen der vielen betroffenen Katzen!

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8 Kommentare zu “Futterstellen – oder dort, wo Lisbeth herkommt

  1. Sabine, ich habe deinen Bericht (wie immer) mit großem Interesse … aber auch mit Bewunderung gelesen. Alle Achtung, was ihr da gemeinsam auf die Beine gestellt habt!
    Mein persönliches Fazit: Wenn ich das nächste mal katzentaugliche Sachen (egal welcher Art) abzugeben habe, wandern sie nicht mehr ins Tierheim sondern an dich 😉
    Ganz liebe Grüße,
    Sylvia

  2. Danke Sylvia! Immer gerne, wenn Du solche Sachen abzugeben hast! Der Zufall will, dass wir nicht einmal weit voneinander entfernt wohnen. 😉

    Ich sehe nur grad, dass sich das erste Foto aus dem Staub gemacht hat… wo ist es hin? Vermasselt den Anfang, denn Lisbeth kommt schließlich nicht von der Straße!!

  3. …zwei neue Bilder von Lisbeth-Lieschen eingefügt. Beide zeigen sie in ihrem neuen Zuhause.

    Wie jetzt, ist mir was entgangen, neues Zuhause??? Du meinst die wunderschöne Kletterlandschaft, oder?

  4. Tja nun, irgendwie bringe ich es nicht übers Herz mein neues Kleeblatt auseinander zu pflücken. Es gefällt Lisbeth inzwischen hier ganz gut und sie bringt ordentlich frischen Wind in unsere vier Wände, so dass wir sie einstimmig in unsere WG aufgenommen haben, nachdem es mit der ersten Option nicht geklappt hat.

    Also ja, Lisbeth ist jetzt Miteigentümerin der Kletterlandschaft, wobei diese nur andeutungsweise den gesamten Besitz des pelzigen Kleeblattes darstellt.

    • 🙂 😀 verstehe ich gut, die erste Variante war ja toll vorbereitet, da hätte alles gestimmt um sie mit Wehmut und Freude im Herzen wegzugeben, aber das setzt Maßstäbe und die nächste Möglichkeit muss all das Gute bieten und noch übertrumpfen (fast unmöglich) um loslassen zu können. Madam LiLi ist aber auch eine Schönheit (finde ich)

  5. Pingback: Über Menschen und Katzen und die Wächter von Moral und Würde « Katzen-Heimat-Blog

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