Willkommen Filou!

Filou scheint regelrecht vom Himmel gefallen zu sein, da er an einer Futterstelle irgendwann auftauchte – und blieb.

Eine Futterstelle auf einem Speditionsgelände in besagtem Hafengebiet, wo sich seit ungefähr einem Jahr nur noch Muckl und Micky aufhalten. Muckl liebt, neben besagtem Miamor, auch Katzenmilch und immer, wenn sie nicht zum futtern kommt, stelle ich ihr einen Becher mit Katzenmilch und ihre Ration Futter in den Unterstand.  (Hier wurde mir Dankenswert erlaubt eine Stelle einzurichten, da ich vorher mit Verstecken, Verdecken handhaben musste, unter  bitterbösen Blicken. Das war im Grunde nur „nebenan“, aber dieser Bereich gehört zu einer Mehl herstellenden Firma und Tiere sind aufgrunddessen verpönt, auch wenn sie sich dreihundert Meter von jeglichem Geschehen aufhalten.) Trotzdem muss es immer noch möglichst unauffällig und logisch preiswert arangiert werden, denn man weiß nie, was manch einem Menschen einfällt. Eine lange Geschichte, die irgendwann einmal erzählt werden wird, unter „Wie alles begann“.

Mehrmals tat ich das Gedankenlos, während Micky aß. Muckl ist eine Träumerin und selbstständige Vorratsesserin, die oft zu spät kommt oder gar nicht, aber sie zeigt sich und würde nie ungesehen warten. Muckl kam nicht, ich wollte anschließend Reservefutter für sie bereitstellen und stellte fest, dass die Milch innerhalb von wenigen Minuten getrunken worden war. Ich zweifelte an meinem Verstand, wie so oft, und dachte nebenbei darüber nach, ob Ratten und Mäuse Milch trinken.
Das wiederholte sich immer wieder, bis ich eines Tages einen weißen Kopf mit Augen im Dornengestrüpp sah. Ein scheuer Geselle. Ein weißer, halb getigerter Kater, der Milch liebt.  Eindeutig ein Kater. Je mutiger er wurde, desto mehr unterdrückte er Micky. Selbstverständlich musste auch er sich einer „entmannenden“ OP unterziehen, denn wahrscheinlich hatte er bereits Leid in die Welt gesetzt, da man ihn auf ungefähr zwei Jahre schätzen kann. Ein munteres Kerlchen, groß gewachsen und immer hungrig. Vielleicht ist er sogar der Erzeuger von Emmy und Maxi? Vom Wesen her eindeutig Maxi, vom Hunger her eindeutig Emmy.

Je öfter ich ihn sah, umso identischer wurde seine Ähnlichkeit zu Mister X. Die Reviere, wo Mister X lebte und nun dieser Kater, sind Katzensprünge voneinander entfernt, somit könnte er ein Sohn von Mister X sein.

Und was soll man tun? In die Hände klatschen und schreien: „Hau ab!?“  Würde erstens nicht funktionieren und zweitens kann man froh sein, wenn  sich ein frei lebendes, wild aufgewachsenes Tier in irgendeiner Form nähert und Standortgebunden unter Aufsicht stehen kann. Ansonsten macht man eben besser  die Augen zu und sieht nirgendwo eine verwilderte Katze!

Eine Futterstelle stirbt nur sehr selten aus. Obwohl alte Tiere irgendwann Naturgemäß (wenn nichts anderes dazwischen kommt) sterben, so ist ein Ende kaum abzusehen. Viele Versorger nehmen alte und inzwischen zahme  Tiere bei sich auf, denn in diesen Fällen ist garantiert, dass diese Katzen nie wieder hinaus wollen. Im Gegenteil, sie sträuben sich. Es kommen aber immer wieder neue hungrige Mäuler hinzu, wie man am Beispiel Filou gut erkennen kann.

Es ist  kein Wahn und auch kein Spaß, dass ich unkastrierte Katzen nicht ertragen kann, aber es geht  an die eigene Substanz, an den eigenen Geldbeutel, weil ich Verantwortung übernommen habe. Und so geht es jedem, der Futterstellen versorgt! Was ist, wenn man selber nicht mehr kann? Sei es durch Umzug oder Wechsel der Arbeit, oder oder? Es reißt sich niemand um eine Vertretung. Sprüche wie:  „Dann nehmen sie die Tiere doch mit nach Hause“, sind einfach nur dumm, aber häufig zu hören. Oft kommen unverständliche Sprüche von Anglern, die den Bestand der Enten gefährdet sehen, denn wenn die Katzen nicht gefüttert werden würden, so würden sie sich in diesem Bereich gar nicht erst aufhalten.  Aha, wieder was dazu gelernt…

Ich taufte ihn Filou, da er mit Blättern spielt, in der Welt herum hüpft und bisher nur Freude am Leben zeigt, ein regelrechter Sonnenschein. Nachdem auch er sich an die Fütterungszeiten hielt und sich seitdem laut miauend vom Dornengestrüpp aus ankündigt, so war ein Einfaches, ohne Stress zu handhabendes, Einfangen möglich.
Filou war und ist immer noch sehr scheu und meinetwegen darf er das gerne bleiben, somit hielt er sich zum Zeitpunkt der besten Möglichkeit hinter einem Zaun, vor einem Schlupfloch auf. Frau N. und ich stellten die Falle vor besagtes Schlupfloch, ein irgendwo aufgesammelter Stein verhalf zum Gleichgewicht und Frau N. stellte eine Schale Sheeba hinein.

Filou ist, wie gesagt, ein  – bis dato –  unbekümmerter Kater, deshalb stiefelte er auch sofort hinein. Leider stürmte der Wind an diesem Tag sehr heftig und verhedderte die Decke, die über die Falle gelegt wird, mit dem feinen Schließmechanismus. Filou trabte heraus und die Klappe ging erst nach seinem Abgang zu. Es war an diesem Tag die beste Gelegenheit, also erneuter Versuch. Die Spedition, die sich hinter dem Zaun befindet, hatte die Tore zu diesem Zeitpunkt noch geöffnet, deshalb fuhren wir auf das Gelände und stellten die Falle in Nähe des Schlupfloches. Ohne Decke, ohne alles. Nur mit (per Autoheizung) erwärmtem Miamor, Huhn mit Schinken, einem Leckerbissen dem keiner widerstehen kann, bestückt.

Eine Minute, länger dauerte es nicht und Filou konnte zum Tierarzt gebracht werden. Zum Glück ging das schnell, da die Tore pünktlich abgeriegelt werden. In seiner Heilphase, in einer großen Box zu Hause bei Frau N., fühlte sich Filou nicht wohl und verweigerte jedes Futter. Als er an selbiger Stelle wieder frei gelassen wurde, verpasste er Frau N. noch ein buntes Streifenmuster auf der Hand.

Zwar ist Filou ein neugieriger Spaßvogel, aber trotzdem mit Vorsicht zu genießen. Vor ein paar Wochen stellte ich einen gefüllten Teller in seine Nähe, weil ich dachte dass er noch Hunger haben könnte. War nicht der Fall, denn er schlug mir mit einer immensen Kraft den Teller aus der Hand. Seitdem nähere ich mich ihm nur noch mit „Ärmel der Jacke über Hand“.
Und so sieht das aus, wenn ich freitags eine Stunde früher Feierabend habe und die drei auf dem sicheren Speditionsgelände füttern kann.

In dem Fall sind (parkende) LKW eine große Hilfe, da sie Schutz vor Nässe bieten. Wir haben Ruhe und Zeit. Ansonsten findet dieses Ritual auf der Straße statt, wo immer wieder ein LKW oder PKW Fahrer diese schmale Gasse mit einer Autobahn verwechselt. Dann sitzen Micky und Muckl unter meinem Auto und Filou hinter seinem Schlupfloch. Kommt ein brausendes Auto, dann suchen alle drei nach einem Ausweg, da sie sich auch gegenseitig nicht in die Quere kommen wollen.

Manch einen Herzstillstand überlebte ich dort, denn auch Winken: „Bitte langsamer fahren“, stößt auf Hirnlosen Unverstand.

Auf einer nahe gelegenen Hauptstraße entdeckte ich vor einigen Tagen eine überfahrene Katze. Sicher, es kann jede treffen, auch Freigänger bleiben im schlimmsten Fall nicht davon verschont. Ich musste trotzdem nachschauen, konnte jedoch nichts mehr erkennen, außer getigertes Fell. War das Emmy und Maxis Mutter oder die säugende Mutterkatze, die nach ihrer Sterilisation sofort wieder heraus gelassen werden musste, und wo die Jungen immer noch irgendwie und irgendwo leben? Wo wir keinen Anhaltspunkt haben und wo wir nicht jedes, „wichtig“ umzäunte, Gelände betreten dürfen.
Als ich die Überreste besah, erinnerte mich an meinen ersten Besuch auf der Finca Lucendum in Spanien. Gisela und ich fuhren vom Flughafen nach Hause, doch unterwegs sah man alle hundert Meter  überfahrene Katzen. Gisela sagte dazu nicht viel, nur einen Satz den ich verinnerlichte:  „Sie haben das Leben überstanden, damit tröste ich mich.“

Muss es auch hier soweit kommen? Dass, durch die Vielzahl, an jeder erdenklichen Ecke eine überfahrene Katze liegt? Reicht es nicht, dass es (bisher) andere Wildtiere sind, sei es Füchse, Hasen oder Vögel, die hier zuhauf im Straßengraben liegen? Beachtet das eigentlich jemand? Irgendwann fragte mich ein Mann, was man denn tun solle, wenn man ein verletztes Tier sehe? Er hätte oft gehört, dass man noch einmal drüber fahren solle. Dazu fiel mir nichts ein, ausser, dass das noch mehr Mut oder Kaltblütigkeit abverlangt – und wer hat das, wenn sich eh niemand interessiert und das Augen verschließen so viel einfacher ist?

Es macht sich kaum jemand Gedanken, wenn frei lebende Katzen verschwinden, das häufigste Argument: „Sie ziehen sich zurück, um zu sterben“.
Das ist einfach, da es einem selbst nicht weh tut.
Ebenfalls im Hafengebiet sah ich ein überfahrenes Kaninchen im Rinnstein liegen. Es schien eindeutig tot zu sein, wobei andere oft orientierungslos sitzen und an Myxomatose leiden. Für mich ist es völlig normal, dass ich, wenn möglich, anhalte und ein totes Tier zumindest an die Seite lege oder ein verletztes zu einem Tierarzt bringe. In diesem Fall lag das Kaninchen im eigenen Blut und am Hinterlauf war eine offene Wunde zu erkennen. Ich wollte es zumindest in das angrenzende Gras legen – doch das Tier sah mich an und lebte!
Möchte man nicht erleben und ein schneller Tod ist ein guter. Hierbei nahm ich das Kaninchen mit und ließ es von einem Tierarzt ohne weitere Schmerzen erlösen. Auch Bisamratten oder sogar Schildkröten, die, mitsamt abgelegten Eiern, überfahren werden, liegen in solchen Gebieten. Doch der schnelle Rubel muss rollen!

Das scheint Abfall, für die  Menschen die selbigen in die Landschaft werfen oder die unter dem alles umfassenden Stress stehen. Ich weiß es nicht, aber auch in diesen Fällen müsste ein Umdenken her, denn jedes Lebewesen  hat ein Recht auf Leben!

3 Kommentare zu “Willkommen Filou!

  1. Ein interessanter Bericht, Sabine, aus dem hättest Du auch schon wieder mehrere machen können. Es ist so viel in Dir, was heraus will, das ist immer wieder beeindruckend zu lesen.

    Was so etwas wie anhalten angeht:
    Die Leute halten noch nicht einmal, wenn das Tier offensichtlich noch lebt.
    Wir sind mal durchs Neandertal Richtung Bahn gefahren, da rannten vier kleine Hunde auf der Straße herum. Die Leute sind einfach weitergefahren, drumherum, draufzu, egal wie.
    Die ließen sich ganz einfach einfangen, habe die wie Perlen auf einer Schnur einfach mit Paketband angeleint und die Polizei gerufen. Die hat allerdings recht merkwürdig reagiert und einen Polizisten auf Motorrad geschickt, obwohl wir die Situation genau erklärt haben … der hat dann kurzerhand eine Gartentür aufgedrückt und die Tiere auf ein Grundstück gepackt, wo noch mehr Hunde rumrannten. Ich meinte nur: „Hoffentlich gehörten die auch wirklich dahin.“ Aber mitnehmen hätte er sie auf einem Motorrad auch nicht wirklich können. Hatte irgendwie was von „unter den Teppich kehren“, aber Hauptsache weg von der Straße.
    Wir haben das Veterinäramt dann nochmal angerufen, die haben das überprüft; die Hunde gehörten wirklich auf das Grundstück und hatten sich nur an einer Ecke freigebuddelt und den Weg zurück nicht mehr gefunden.

  2. Christine, das ist einen leibhaftigen Oscar auf rotem Teppich wert und trotzdem kann man nur sagen: Danke!
    Paketband… wohl wahr, denn im Grunde hat jeder in dem Moment brauchbares Material dabei und wenn es sich um den eigenen Gürtel handelt.
    Hm, ist ne Geschichte wert, was meinst Du? 😉

  3. Pingback: Katzen, Schnee und Eiseskälte « Katzen-Heimat-Blog

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