Doppelte Sicherung bei neu aufgenommenen Hunden

Es wird von Tierschutzvereinen erfahrungsgemäß  immer wieder zu doppelter Sicherung bei  neu aufgenommenen Hunden aufgerufen, speziell bei Hunden aus dem Ausland, die per Internet ausgesucht wurden und die, laut Weitergabe von Menschen vor Ort,  diese oder jene Verhaltensmerkmale zeigen. Doppelte Sicherung bedeutet Halsband, Geschirr und zwei Leinen. Das wird gerne belächelt, weil es übertrieben scheint. Auch hier noch einmal nachzulesen.

Ich möchte anhand der folgenden Beispiele darstellen, dass einerseits kein Mensch in das jeweilige Tier hinein sehen kann, andererseits kann es zu  Situationen kommen, die niemand vorhersehen kann. Manch ein Hund kommt z.B. am Flughafen  an und geht keinen Schritt. Diese Hunde werden getragen und das Thema erübrigt sich.  Es gibt aber auch andere Fälle und nur drei dieser Fälle sind  diese:

Eduardo kletterte während einer Rast aus einem halb geöffneten Autofenster und wurde überfahren.

Jessie zog ihren Kopf bei einem Aufenthalt auf einem Rastplatz aus dem Halsband und wurde überfahren.

Mario wurde mit einem passenden Geschirr gesichert, aber auch das kann schief gehen.

Mario  lebte in Spanien, genauer gesagt in La Marina, wo bereits sein Vater aufwuchs. Marios Vater Chico war ein ausgesetzter und somit frei lebender Hund,  typisch für Spanien und so genannter Urlaubsländer schlechthin.

Chico  war selbstsicher, sanft, klug und wurde von Einwohnern irgendwann zum Maskottchen ernannt, da er ein Streuner war und im Grunde auch wieder nicht. Ein akzeptiertes, bewundertes Zwischending, das seine Freiheit liebte und diese  in  der Nähe eines Pinienwaldes erlebte. Chico wurde versorgt, seine Freiheit zwangsläufig akzeptiert.

Marios Vater fand eine Partnerin und kurz gesagt gab es Nachwuchs, der von einer älteren Dame gefunden und aufgenommen wurde.

Wie sich bald herausstellte, gehörte diese ältere Dame dem Menschenschlag an, der viele Tiere aufnimmt und dem die Menge über den Kopf wächst. Ihre Wohnung wurde, nach Beschwerden der Nachbarn, in einem Polizeieinsatz geräumt. Ungefähr zwanzig Hunde, darunter auch Mario, wurden in eine Perrera gebracht, wo Mario in einem Käfig auf sein Ende warten sollte.

Diese Aktion wurde bekannt, ebenso wie Chico von Engländern entkräftet im Pinienwald gefunden wurde und erlöst werden musste.

Mario jedenfalls konnte aus der Perrera herausgeholt werden und kam zur Finca Lucendum. Dort stellte er sich als zurückhaltender, stiller Vierbeiner heraus, der erst einmal Zutrauen zu Menschen entwickeln musste.

Als  seine Vermittlerin  musste ich mir ein Bild von Mario machen und  lernte ihn im Februar 2008, bei einem Besuch auf der Finca Lucendum, kennen. Schwer, sich eine Meinung zu bilden, da  viele andere Hunde sehr viel stürmischer und Besitzergreifender waren als Mario. Er stand meist im Hintergrund, wartete ab, beobachtete. Er schien zufrieden, mit dem was ihm geboten wurde, war es doch ein krasser Gegensatz zu seinen bisherigen Erlebnissen.

Mario und ich hatten Glück, denn es meldete sich eine sympathische Familie, die Mario adoptieren wollte. Bei der Vorkontrolle konnte ich nur das weiter geben, was ich von Mario wusste und die Familie war sogar bereit ein Wochenende in Spanien zu verbringen, um ihrem Auserwählten die Chance zu geben, seine Familie ebenfalls vorab kennen lernen zu können.

Gesagt, getan. Das anschließende Erlebnis mit Mario und seiner Familie deckte sich mit meinen Erkenntnissen, es war somit keine Liebe auf den ersten Blick von seiner Seite – Mario wartete ab. Für ihn waren Ralf und Gisela, die ihn gerettet hatten, seine Menschen. Die Familie wurde genau wie ich belagert von stürmischeren Vierbeinern, aber ihr Entschluss stand fest.

Mario kam an einem, für einige Menschen, außergewöhnlichen Tag nach Deutschland. Das war ein Tag, als ein Endspiel der Fußballeuropameisterschaft stattfand. Alles ging glatt, denn Ralf von der Finca Lucendum war selbst mit Mario nach Düsseldorf geflogen, die Familie hatte ein passendes Geschirr besorgt, was Mario angelegt wurde, er ging folgsam mit zum Auto und legte während der Fahrt seinen Kopf auf die Knie des Mannes. Zuhause angekommen, wollte der schon so oft zelebrierte Plan in die Tat umgesetzt werden: Vierbeiner erst einmal – wenn vorhanden – angeleint in den Garten lassen. Bevor dieser Plan jedoch in die Tat umgesetzt werden konnte, überschlugen sich Fakten, mit denen niemand vorher rechnen konnte.

Die spanische Mannschaft gewann und ein Ohrenbetäubendes Hupkonzert  setzte ein. Von allen Seiten wurde gehupt und gejubelt, was Mario in Panik versetzte. Ihn, den ruhigen Sohn des gelassenen Chico.

Es ging Blitzschnell, eine  Situation die niemand vorhersehen konnte. Mario drehte sich hin und her, flutschte aus seinem  passenden Geschirr und rannte davon.

Wie schrecklich das ist, brauche ich nicht zu erwähnen, jedenfalls blieb Mario zwei Tage lang verschwunden. Es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt die möglich sind, von verteilten, aufgehängten Flyern über Aufrufe im Radio, bis hin zur persönlichen Suche.

Ein Taxifahrer meldete sich am folgenden Samstag, dass er einen Hund aufgegriffen habe und ihn zum Tierheim brachte. Der Hund wäre freiwillig in sein Auto gesprungen, war ohne Halsband, ohne Leine und wäre bei Ankunft im Tierheim auch sogleich wieder geflüchtet. Keine Chance, ihn fest zu halten.

Das war eine gute Nachricht, obwohl sie schlecht schien, aber das genannte Tierheim liegt mitten in einem Wald mitsamt einem Reiterhof, weitab von Straßen oder Autobahnen. Diese Meldung war irgendwie beruhigend, dachte man an Chico und seinen Pinienwald. Mario würde sich am Reiterhof sehen lassen, von Spaziergängern entdeckt werden! Bald, sicher bald, denn nun war das Gebiet begrenzt, wo man suchen konnte.

Es war der Sonntag  darauf, als mich eine Kollegin des betreffenden Tierschutzvereines anrief: „Mich rief eine Adoptantin an, dass auf der A1 ein großer toter Hund liegt. Das ist doch die Ecke, wo Mario entlaufen ist. Durch Zufall las sie unsere Suchmeldung. Fährst du mal bitte zu Kilometer 188 und schaust nach?“

Ich schluckte, war  mir und uns doch gleich klar, dass es nur Mario sein konnte, und machte mich auf den Weg.

Bei genanntem Kilometer hielt ich auf dem Seitenstreifen, konnte jedoch keinen Hund entdecken. Ich kletterte die Anhöhe hinter der Absperrung hoch, weil ich dachte, dass vielleicht irgendjemand  ein überfahrenes Tier beiseite legt. Im Hinterkopf hoffte ich sogar auf einen dummen Scherz.

Aber nichts, nur ein wiederholtes Gehupe anderer Autofahrer, die mir zusätzlich einen Vogel zeigten, da ich mich in Gebieten herum trieb, die von normal Sterblichen nicht betreten werden dürfen.

Ihr habt Probleme, dachte ich nur.

Ich telefonierte hin und her und bekam von einem netten Autobahnpolizisten letztendlich die Auskunft, dass die Straßenmeisterei den gemeldeten toten Hund bereits beseitigt haben könne. Wo denn die Meisterei sei, fragte ich. Der hilfsbereite Polizist beschrieb den Weg.

Dort angekommen waren Tore und Tür geschlossen, denn es war Sonntag.

Nach Wartezeit, da ich mich ohne Mario nicht von der Stelle rühren wollte, kam ein junger Mann aus dem kleinen Gebäude und fragte, was ich wolle.

„Ich komme  wegen des überfahrenen Hundes“, sagte ich.

„Ach ja, der.“ Und öffnete ohne weiteren Kommentar das Tor.

„Der liegt schon in der Kühltruhe, ist das ihrer?“

„Das weiß ich noch nicht, denke aber schon.“

Ich durfte in ein Gebäude, wo eine Tiefkühltruhe, die von oben zu öffnen ist, stand. Der junge Mann öffnete den Deckel. Ich sah nur hellbraunes Fell, blaue Mülltüte und Pfoten. Bis ich den Kopf fand musste ich viel näher heran gehen, denn das Tier lag krumm und steif in der Kälte. Ich schob die Tüte beiseite und ja, das war mein, das war unser aller Mario. Scheinbar unverletzt, denn Blut oder schlimme, zerfetzte Gliedmaßen konnte ich nicht erkennen.

„Was würde mit diesem Hund jetzt passieren?“, fragte ich.

„Der wird entsorgt, wird abgeholt, sobald die Truhen voll sind. Nebenan liegt ein überfahrenes Reh, ein Wildschwein….“

Hier mache ich mal Stopp, um auch klar zu stellen, dass ein entlaufenes Tier im Nirwana verschwindet. Es macht sich anscheinend niemand die Mühe oder besitzt ein Lesegerät, denn Mario war gechipt!

Mir war klar, dass ich Mario mitnehmen würde, nur wohin, das wusste ich noch nicht.

Ich rief  seine Familie an und als ich die Frau ans Telefon bekam,  konnte ich endlich weinen. Weinen um Mario, der es bis hierher geschafft hatte und nun  in einer viel zu kleinen, kalten  Truhe lag.

Die Frau war gefasst und sagte, dass ich Mario zu ihnen bringen könne, im Garten wäre Platz.

Ich hob Mario somit aus der Kälte, wickelte eine Decke um ihn und brachte ihn nach Hause.

Der Familienvater war bereits dabei ein Grab auszuheben und ich legte Mario ins Zimmer zum Garten. Jetzt  konnten wir zusammen weinen und taten das auch. Er würde neben seinem Vorgänger liegen, wurde mir gesagt und man mache sich Vorwürfe. Vorwürfe, weil Mario anscheinend doch nicht zu ihnen wollte.

Gut, das ist Spekulation. Es ist auf jeden Fall so, dass Mario Richtung Süden lief, da diese Stelle der Autobahn ungefähr acht Kilometer südlich von besagtem Tierheim entfernt liegt. Er hatte nur eine kleine Verletzung über dem linken Auge. Wer in diesen Unfall verwickelt war und wie er sich abspielte, das versank ebenso im Nirwana, wie es mit Mario beinahe auch  geschehen wäre.

Tiere sind in manchen Augen eben immer noch nur eine Sache.

Ich werde Dich nie vergessen, mein Freund.

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9 Kommentare zu “Doppelte Sicherung bei neu aufgenommenen Hunden

  1. sehr traurig zu lesen Sabine, aber gut damit auf das Problem hinzuweisen, dass Hunde in Panik aus Halsbändern entschlüpfen können, dass sie sich aus Brustgeschirren entwinden können und dass ihnen nicht logisch und folgerichtig erscheint, was wir dafür halten und sie dann lieber ihrem Instinkt folgen.

  2. Auweia, das darf ich gar nicht meiner Mum zeigen, ist ihr doch ihr neues Hundchen, das der Jessi sehr ähnelt, auch aus dem Halsband entschlüpft und in Panik weggelaufen. Zum Glück gleich gefunden und ist einem solchen Schicksal entgangen.
    Doppelte Sicherung, wirklich wichtig!

  3. Ja, Bettina, die Fälle häufen sich seltsamerweise auch.
    Meine Hündin, sie stammt aus Ungarn, hat, seit ich sie kenne, panische Angst vor kleinen Kindern. Als ich das noch nicht wusste, gab es ebenfalls solch einen Vorfall. Raus aus dem Halsband und rauf auf die Hauptstraße.

    Was mich verzweifeln lässt ist die Tatsache, dass ein Autofahrer ein Tier töten darf, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
    Derjenige muss nicht bestraft werden, aber was ist das für ein kaltblütiges Verhalten?
    Ist es Feigheit? Ist es Gleichgültigkeit? Ist es wichtiger zuzusehen, dass die Beule am Statussymbol Auto wieder hergerichtet wird?
    Ich kann doch keinen Hund überfahren und mich nicht kümmern! Ich kann speziell einen Hund, der hier in Deutschland einen Besitzer haben muss, doch nicht einfach liegen lassen!
    Fährt derjenige anschließend nach Hause und legt die Beine hoch? Oder fährt er sofort in eine Werkstatt und schimpft über diese verfluchten Viecher?
    Fahre ich einen Menschen zu Tode, werde ich belangt und nennt sich Fahrerflucht.

  4. und hier musst Du Dir einen Aufkleber ins Heckfenster setzen: „Ich halte auch für Tiere“ um eine Chance zu haben, dann nicht gerichtlich belangt zu werden, wenn Du bremst der nachfolgende Trottel (Sicherheitsabstand – hä?) Dir auffährt, weil laut Gesetz ne Katze oder ein kleinerer Hund kein Grund ist anzuhalten. Kann mich da noch an einen Gerichtsprozess wegen des Versicherungsschaden erinnern, der nur wegen des Aufklebers gut für den Bremsenden ausging…
    Ich frag mich, was sich der Gesetzgeber da dachte, Tier sehen, vorbeugen, ins Lenkrad beißen und drauf…

    Hatte der Tierschutzbund auch mal eine Aktion:

    http://www.tierschutzbund.de/aktion_bremsen-fuer-tiere.html

  5. Solch einen Aufkleber hatte ich in den achtziger Jahren auf den Opel Manta meines Freundes geklebt, weil ich oft damit fuhr. Ab da schämte er sich in das Ding einzusteigen.
    Ich persönlich habe kein Problem damit, denn ich bremse, egal mit welchen Konsequenzen, automatisch. Was der Gesetzgeber mir vorschreiben will, geht mir in dem Moment am Ärmel vorbei, aber sowas von…
    Vor kurzem war es spät abends eine kleine Katze, die quer über eine Straße rannte. Das war unbeschreibliches Glück, dass der Hintermann ebenfalls eine Vollbremsung machte.
    Leider sah ich zwei Tage später plattgefahrenes, getigertes Fell in der Nähe liegen.

  6. Hallo Sabine.
    Ich habe zwar seinerzeit über die vergessenen Pfoten von der Geschichte gehört, aber wie sich das richtig abgespielt hatte wußte ich nicht!
    Mein Gott wie schlimm, Mario hatte es geschafft und auch wieder nicht!
    Ich glaube da bist du durch die Hölle gegangen, wo du Mario gesucht und gefunden hast!
    Ganz toll finde ich das die Familie die Mario adoptiert hatte, ihn auch noch Tod aufnahm und ihn bei sich beerdigten!
    In Ihrer Haut möchte ich auch nicht gesteckt haben! Diese Schuldgefühle die sie haben mussten und sicher immer noch haben, das werden sie nie vergessen!
    Ich muste die ganze Zeit weinen als ich das las, und das mir sowas passiert, z.b. mit Surco ist meine größte Angst!
    Menschen die solch einen Angst (Panik ) Hund aufnehmen sollten und dürfen es nicht auf die leichte Schulter nehmen wenn wir Tierschützer ihnen predigen, diese Art Hunde doppelt und dreifach zu sichern! Wenn solche Hunde in Panik geraten, sind sie zu dem unmöglichsten im Stande.
    Ich hoffe das viele Menschen aus unseren Berichten und Tipps lernen, und uns glauben wenn wir zur Doppeltsicherung raten! Denn diese Geschichten passieren immer häufiger, und das ist nicht der Sinn der Sache, das gerade gerettete Hunde nach Deutschland kommen und dort dann einen schrecklichen Tod sterben! Eigentlich sollen sie ab Deutschland in Sicherheit sein!
    Liebe Grüße Heike.

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