Alte wilde Katzen und ihre eventuellen Wünsche

Stellvertretend für unzählige alte wilde Katzen, stelle ich heute zwei Beispiele vor.

Tiere, die sich weder anfassen lassen noch den Zugang zu Menschen suchen. Die jedoch regelmäßig an Futterstellen auftauchen und anschließend unbekannt wieder untertauchen. Flüchtige Schatten, die ihr  Leben auf die Reihe bekommen und auch intelligent genug sind, die Gefahren des Alltages einschätzen zu können. Die kaum jemand zu Gesicht bekommt, was dem Vorurteil „Katzen kommen alleine in freier Wildbahn gut zurecht“ zwar nicht widerspricht, was  aber zeigt, wie es den alten Gesellen gehen kann.

Manch eine ist ein überzeugter Nachtgänger, der bei Tage im Nirgendwo liegt, hockt oder beobachtet und sich erfolgreich verkriecht.

Andere sind ebenfalls scheue Gesellen, die eine pünktlich versorgte Futterstelle kennen und sie nutzen. Sie essen in Rekordschnelle, bevor nichts mehr vom Futter übrig ist, manchmal zur Reserve für eine ganze Woche.

Jeder wird alt, wenn er die Möglichkeit dazu hat und wir alle wissen, dass mit zunehmendem Alter auch die Wehwehchen wahrnehmbarer werden.

Bei diesen Beispielen handelt es sich um Kater „Mister X“ und um Katze „Flocke“.

Mister  X wurde im Zuge einer Kastrationsaktion an einer Futterstelle, die in den kommenden Wochen wegen Insolvenz der Firma beseitigt werden würde, gefangen und war ein purer Zufall. Er  ist weit über zehn Jahre alt und obwohl alle anderen Katzen, die gefangen und kastriert werden konnten, irgendwann zumindest einmal gesehen worden waren, so glich Mister X einem Phantom.

Niemand kannte ihn.

Mister X saß in der Falle und man merkte ihm an, dass er meinte den größten Fehler seines Lebens begangen zu haben. Doch das hatte er nicht, denn sein Kopf war aufgedunsen und die Augen verklebt, von Schmerzen geplagt, zeigte er ein verkniffenes Gesicht. Bei Abgabe beim Tierarzt dachte ich an das schlimmste, aber es handelte sich nicht um eine Lebensgefährdende Krankheit. Irgendwie noch schlimmer, denn Mister X musste, wer weiß wie lange bereits, mit sechs vereiterten Zähnen leben.  Gleichzeitig zur Kastration wurden ihm seine Peiníger gezogen.

Das alles im gut gemeinten Schnelldurchlauf, aber jedes Tier, ob Kater oder Katze, benötigt einen Aufenthalt, um die jeweilige Wunde verheilen lassen zu können. Das konnte  für Mister X, in einem, auf die Schnelle zur Verfügung gestelltem Gartenhaus bei Heike,  gefunden werden. Anschließend machte man sich noch mehr Gedanken, denn einen Kater in dem Zustand… einen wilden Kater in diesem Zustand wieder frei zu lassen, ohne Futterstelle, ohne Fürsorge – kaum vertretbar.

Somit nicht einfach und Mister X musste sich gedulden.

Letztendlich erklärte sich eine Freundin bereit, die in der Nähe von Cuxhaven einen Resthof gemietet hat, mit Hektar Land und Bauernhöfen drum herum, Mister X bei sich aufzunehmen. Er könne in der Diele, dem riesengroßen Areal leben, wo früher die Kühe gehalten wurden. Er hätte einige Kumpel, wenn er sich denn mit denen verstehen würde, und könne tun und lassen, wie er wolle.

Gesagt, getan. Mister X reiste in Richtung Norden und wurde erst einmal in dieser großen Diele heraus gelassen. Ab diesem Zeitpunkt sah ihn niemand. Wie gehabt, blieb er seinem Phantommuster treu. Heraus konnte er nicht, da die Tür geschlossen war. Mister X musste mal, deshalb war klar, dass er noch anwesend war. Jedenfalls nutzte er nicht eines der bereit gestellten Katzenklos, sondern eine Ecke im Heu…

Seine Hinterlassenschaften drangen bald durch die Decke ins darunter liegende Schlafzimmer und meine Freundin musste den Raum wechseln. Dann kamen der Frühling, der Sommer und Katzen und Co. wurden Türe und Tore geöffnet.

Mister X wurde eh nie gesehen und nun, da er in Freiheit auf dem Land leben darf, erst recht nicht. Ich denke ihm geht es gut, jedenfalls kennt er seine Anlaufstelle und wenn die nächste Kälte vor der Tür steht, wird er wissen, wo er warmes Heu findet.

Manch einer wird nun sagen: “Völlig falsche Handhabung!“

Darauf kann ich nur antworten: „Bitte her mit besseren Alternativen!“

Katze Flocke lebte, wer weiß wie lange, in einer Papierfabrik. Es ist nicht bekannt, ob dort gefüttert wurde. Vor Monaten brannte es in dieser Fabrik und zum Glück kam kein Mensch zu Schaden…

Es war Zufall, dass gleichzeitig bekannt wurde, dass auch Katzen in und um diese Fabrik leben.

Eine Katze ging schnell in die Falle, als wenn sie darauf gewartet hätte. Sie wurde sterilisiert; in einer großen Übergangs Hundebox konnte die Wunde verheilen und dann durfte sie wieder an selbiger Stelle heraus.

Aber Flocke wollte nicht.

Ein Erlebnis, das man nicht oft hat. Flocke weigerte sich aus der Box herauszugehen und in ihre alte Heimat zurück zu kehren!

Nun lebt sie bei Frau N. mitsamt allen anderen Zufallskatzen und  geniest ihr auserwähltes Leben. Sie lässt sich nicht anfassen, verzieht sich bei Anwesenheit der Menschen hinter das Sofa. Sie mag in der Sonne liegen, mitten auf dem Teppich, zettelt keinen Streit an, geht jedem Artgenossen aus dem Weg, sie arrangiert sich.

Da nun bekannt ist, dass sich Katzen an dieser Stelle aufhalten, muss weiter geplant werden. Futterstelle ist eingerichtet und die nächste Fangaktion steht an.

Flocke steht somit als Beispiel für unzählige müde Katzen. Die  selbst mit zivilisierten Dingen zurecht kommen und keinen Gedanken daran verschwenden, eine Gardine vom Fenster zu reißen oder einen Tisch zu zerkratzen.

Wäre schön,  sehr wünschenswert, wenn sich viele Tierfreunde darüber Gedanken machen würden. Ein Zimmer, Verständnis, ein bisschen Zeit und Ruhe.

9 Kommentare zu “Alte wilde Katzen und ihre eventuellen Wünsche

  1. Nein, das ist die Tätowierung.
    Gut zu sehen bei hellem Fell. Bei schwarzem Fell hat man schlechte Karten. Wurde mir vor kurzem bewusst, weil es zwei scharze Panther gibt, wo ich nicht wusste: Kastriert oder nicht.
    Bis eine so weit zahm wurde, so dass ich eines ihrer Ohren umklappen und genau hin schauen konnte.
    Besser ist immer noch die kleine Kerbe im Ohr, als Zeichen, da die Farbe vergeht und lediglich der Stempel erkennbar bleibt.

    Das auch zum Thema wichtiger Kastrationspflicht! Wer will das und Wie kontrollieren? Kerbe ist von Weitem erkennbarer!

  2. ja, das mit dem kennzeichnen des Kastrieren ist wirklich wichtig…
    meine Trixi ist auf diese Weise zweimal aufgemacht worden, weil die im Tierheim nicht erkannten, dass sie kastriert war – sie war ja eine Fundkatze

  3. Genau, habe ich auch erlebt.
    Das sind die Kleinigkeiten, die erst einmal bedacht werden sollten, bevor nach grundsätzlichen Gesetzen geschrieen wird. Kastrationsgesetz ist absolut in Ordnung und ich bitte oder bete meinetwegen auch, dass es Deutschlandweit eingeführt wird. Aber die anschließende Kennzeichnung macht bisher jeder Tierarzt, wie er meint – bis gar nicht.

  4. Ein Erlebnis, das man nicht oft hat. Flocke weigerte sich aus der Box herauszugehen und in ihre alte Heimat zurück zu kehren!

    Krass, wie hart muss das Leben in Freiheit gewesen sein, wenn sie die „Gefangenschaft“ vorgezogen hat.
    Vielleicht hatte sie in der Jugend ja guten Kontakt mit Menschen und ein warmes Plätzchen bei ihnen, sie können das ja nicht erzählen.

  5. Sabine, dieser Mister X hats mir aber irgendwie angetan, das ist ja ein Prachtbrocken und der schöne dicke Schwanz, dazu die klitzekleinen Ohren – süß.
    Die Heike ist aber auch ein Goldstück – muss ich sagen, selten findet man Menschen, die so oft helfen helfen.

  6. Mister X gehörte ja auch zu den ganz armen Socken, die gesundheitliche Probleme, bis Höllenschmerzen hatten und um die sich keiner scherte, wie bei tieranwalt.at beschrieben.

    Was dort über Kastrationsaktionen geschrieben wird, stimmte einmal.
    Vergangenheit, da sich die Zeiten drastisch verschlechterten und kaum noch ein TSV weiß, woher er das Geld nehmen soll um die Mengen an Kastrationen zu bezahlen. Ich kann mir nur mit sehr viel Phantasie vorstellen, dass sich ein Veterinäramt darum kümmert.

    Das ist auch gut:
    Da ein schlechter Gesundheitsstatus bzw. eine hohe Seuchenprävalenz in Kolonien verwilderter Hauskatzen nicht nur ein Tierschutzproblem darstellt, sondern auch eine konkrete Gefahr für Menschen und Heimtiere, insbesondere für „Freigängerkatzen“, bedeutet, liegen Bestandskontrolle bzw. –betreuung nicht zuletzt auch im menschlichen Interesse.

    Das stimmt 100%, nur versteht das kaum ein Außenstehender; zerstört lieber eine Futterstelle oder verbietet das Betreten eines Geländes. Z.B. weil das Futter Ratten anziehen könnte, oder weil eine solche Stelle einfach nicht in den bürokratischen Kram passt.

  7. Pingback: Wochenbericht der zwei Minitiger oder – Emmy entdeckt die Zivilisation « Katzen-Heimat-Blog

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