Katze Knubbi

Zwiegespräch mit einer Seelenverwandten

Der 21.02. wird mir immer in Erinnerung bleiben. Der Tag, an dem ich dich verlor.

Wie es passierte wird ein Rätsel bleiben – bis zu dem Moment in dem wir uns wieder sehen. Dann wirst du mir Details mitteilen und es wird zu spät sein, um noch wütender auf die Menschheit allgemein oder Raser im speziellen zu werden.

Du willst es so – ich weiß.

Du hast es geplant, da es dermaßen und unglaublich viele Zufälle auf einmal nicht geben kann. Alles passte perfekt und ich fand dich dreizehn Stunden später, nachdem ich dich guten Gewissens verlassen hatte. Ich sollte dich finden und auch die anschließenden Tage, in denen ich dich mitnahm, dich trug und verabschiedete, wie eine Schimpansenmutter ihr totes Baby, sie sollten so ablaufen.

Das war dein Wille, und deine Entscheidung war richtig.

Ich bewundere, akzeptiere und respektiere sie dankbar, wie dich und dein Leben. Du hast mich gelenkt, ich durfte lernen – und verlor den Boden unter den Füssen.

Beinahe drei Jahre sind entweder lang oder erscheinen kurz. Das empfindet ein Mensch, wie ich es einer bin. Fast drei Jahre gegenseitiges Verständnis, Trost, entspannte Stunden, Fürsorge, Hilfe und Kommunikation ohne überflüssige Worte, sind für eine Katze vielleicht nur ein Zwischenstopp, oder ebenfalls ein Lebensabschnitt. Das konnte ich dich nicht mehr fragen, darüber dachte ich bis dahin nicht nach. Leider verpasste ich es.

Mir hat unsere Zeit sehr viel gegeben und auch das weißt Du.

In der Fabrik wurdest du geboren, die Fabrik, die nach Jahren abgerissen wurde und euch hinterließ. Zu zwölft oder noch mehr ward ihr, lebtet auf dem riesigen Gelände, was bald grün verwilderte und wurdet recht gut versorgt. Das weiß ich von dir und mit der Zeit bestätigten es auch Mitarbeiter der Stadtwerke, Angler, Tierfreunde und Hafenarbeiter. Sie kamen nicht regelmäßig, hatten aber immer etwas dabei – außer euer „Papa“.

Er kam täglich mit seinem Roller angefahren, bei Wind und Wetter. Sobald ihr die Geräusche des Rollers hörtet, war konkrete Essenszeit angesagt. Pünktlich um 9.00Uhr. Beinahe sechs Jahre lang und immer noch.

„Papa“ bekam mit, wie die Zeiten sich änderten und euch das Leben erschwerten. Euch das Leben und ihm das Herz. Er alleine konnte nur zusehen, wie die mittlerweile optimal verwilderte Grünfläche, die euch einen sicheren Unterschlupf und zusätzliche Nahrung bot, rigoros  beseitigt, planiert und geteert wurde. Alles im Sinne der Menschen und dem Kommerz zugute kommend. Sobald die ersten Gebäude abgerissen worden waren, fehlten vier von Euch und Ihr ward nur noch acht Überlebende, acht Standfeste, acht Treue… wie auch immer man euch bezeichnen will. Wohin vier verschwanden, weißt nur du.

Das war der Zeitpunkt, als wir uns trafen. Eine einzelne umzäunte Halle war übrig geblieben und darin entdeckte ich von außen „Blümchen“. Ja, das Paar, das samstags immer zu euch kam, die nannten deine dreifarbige Freundin „Blümchen.“.

Von diesen Leuten wusste ich damals noch nichts und auch von euch wusste ich  nichts. Ich ahnte lediglich, dass Hilfe benötigt wird und informierte den Tierschutzverein. Das war nicht lustig, Knubbi, nicht wahr? Ihr wurdet in Fallen gelockt die das Beste wollten, doch stellte sich heraus, dass ihr alle bereits kastriert worden ward. Die nötige sichtbare Kennzeichnung fehlte.. Irgendeine von euch hatte einen Nabelbruch, der dadurch behandelt werden konnte, doch  verlor die zuständige Frau den Überblick und konnte die betreffende nicht nennen.  Pumuckl, ganz wichtig, und  ihre Kinder, die sie laut Tierarzt  kurz zuvor zur Welt gebracht haben musste. Niemand hatte Pumuckls Trächtigkeit bemerkt.

Übers Wochenende musste sie beim Tierarzt verbleiben. Beinahe drei Tage lang kümmerte sich niemand um ihre Jungen. Wer konnte das ahnen? Ich war wütend. Warum verstand euch niemand?

Vorab machten sich die Menschen gemeinsam Gedanken – Wohin mit euch? Wir alle zusammen kamen auf den gemeinsamen Nenner: Im Grunde geht es euch gut. Wenn die Versorgung stimmt, kann es keinen besseren Platz geben. Wenig Verkehr, Wasser im Fluss, Freiheit ohne Ende. Jede von Euch wurde dort mit gutem Gewissen wieder frei gelassen, jede von euch nun regelmäßig versorgt.

Nach Tagen, in denen Pumuckl frei gelassen worden war, beobachtete jeder mit Aufmerksamkeit und schon bald sah ich Pumuckl mit ihren zwei Kindern. Versteckt unter der Hecke, die anschließend vorübergehend dein Platz wurde. Schwarzweiß und dreifarbig, so kunterbunt waren Pumuckls Kinder. So kunterbunt wie sie und auch gleichfarbig wie ihr schwarzweißer Vater, den „Papa“ kurz darauf vergiftet auffand. Er, der ältere Mann, kletterte über das große Tor der Firma, nahm euren Freund mit und begrub ihn an seinem Hafen. Mit Sicherheit gemeinsam mit Tränen, doch was konnte er mehr tun? Was konnten wir alle verbessern?

Das Gelände war nicht umsonst aufwändig planiert worden. Wie dumm, mit dem Guten zu rechnen. Hinter jeder Aktion stecken Köpfe und jene Köpfe vermieteten den Platz an einen Zirkus. Der ganze Platz wurde gefüllt mit Zelten, Zäunen und Parkplätzen.

Das Spektakel war selbst den Fernsehleuten ein Bericht wert.

Niemand sah euch!

In dieser Zeit gab es lediglich eine positive Nachricht. Pumuckls Kinder konnten schnell gefangen und bald darauf vermittelt werden.

Weißt du noch?

Nach einem Monat baute der Zirkus seine Zelte wieder ab.  Da man nur noch von Zäunen umgeben war die euch Sicherheit gaben und abgrenzten, war es schwer einzuschätzen und eine Zahl kaum zu nennen. Eingehaltene Zeiten gab es von eurer Seite verständlicherweise nicht mehr. Aber es fehlten anschließend wiederum vier, vier  deiner Freunde und darunter auch „Blümchen.“ Es tat weh, da man anders hätte reagieren müssen, doch Tierschutz und Kommerz sprechen nicht dieselbe Sprache. Vorausahnung ist kaum jemandem gegeben.

Wo waren deine Freunde? Hatten wir alles falsch gemacht?

Wir waren traurig, verzweifelt, niedergeschlagen, enttäuscht und irgendwie gefangen. Gefangen, weil die Gegenseite grundsätzlich stärker sein wird. Was wollen zwei, euch verstehende Menschen, gegen ein städtisches Amt unternehmen? Es wurde viel versucht, sogar darauf eingegangen, doch sobald die Wirtschaft ins Spiel kommt sind Versprechungen schnell vergessen. Wir starteten wiederholt und bauten ein Futterhaus, nachdem wir inständig gebeten hatten es dort, in dem von euch erwählten  Revier, aufstellen zu dürfen. Man musste erst Mitarbeiter kennen lernen, die es „unter der Hand“ erlaubten. Ein langer Weg, für solch eine banale Kleinigkeit auf einem ungenutzten Platz. Das Futterhaus wurde nun regelmäßig mit Wasser, Essen bestückt und sogar bei Regen gab es euch Schutz. Eine ruhige Zeit folgte, in der die damalige Entscheidung trotz allem als richtig empfunden wurde und jene  Zeit folgte, in der wir beide uns anfreundeten.

Du Knubbi, hattest eine starke Erkältung und ich besorgte Mittel dagegen. Sechs Tabletten, die du unglaublich geduldig zu dir nahmst. Die letzte, es ging dir schon längst wieder gut, feierten wir mit einem ganz besonderen Essen. Nur wir beide. Der erste Vertrauensbeweis anschließend war, dass du mir die Hand lecktest. Du, der man bis dahin nicht einmal in die Augen blicken durfte.

Wie lange dauerte der gute Zustand, was meinst du? Ich meine beinahe ein Jahr, ich vergesse so schnell. Du, Micky, Pumuckl und die kleine Schnecke, mehr waren nicht übrig geblieben.

Die Halle stand noch. Sie wurde 2007 durch den Sturm „Kyrill“ heftig   gebeutelt, aber das  interessierte niemanden, auch nicht, dass die verbliebenen Fenster nachts geklaut wurden. Wir hatten in der Halle zwei Strohballen auseinandergerupft hinein gelegt und ihr nutztet es gerne, das sah ich an den Kuhlen die im Stroh waren. Bis zu der Nacht in der das Stroh angezündet worden war. Nur Micky ging noch mutig hinein, er ist schließlich auch der einzige übrig gebliebene Kater und kennt keine Angst. Zumindest zeigt er sie nicht.

Erneute Veränderung war angesagt, du verzogst dich auf die andere Straßenseite, hinter den Zaun aufs dortige Firmengelände, die kleine Schnecke lief nach dem Essen zum Ruderverein, und wir überlegten. Ich besorgte dir ein Katzenklo mit Deckel. Das einzige, was mir einfiel. Von außen umwickelt und festgeklebt mit schwarzer Teichfolie. Zum einen weil es unauffällig sein musste, zum anderen weil kein Wasser hinein dringen durfte. Auf den Boden kam eine Styroporplatte gegen Kälte, darauf Stroh und anschließend eine Lage Heu. Ja, mein Schatz, hat lange gedauert, ich dachte du nimmst deine Hütte nicht an. Aber dann kam der plötzliche Schauer  – und während ich noch neben dir stehe, mich mit dir unterhalte, flitzt du plötzlich durch dein Loch im Zaun und  springst in das Häuschen. Ich wurde patschnass, aber das war wie immer egal, denn ich freute mich unbändig!

Für unsere kleine Schnecke fragte ich offiziell beim Ruderverein, ob ich dort aufs Gelände eine nun getestete Hütte hinstellen dürfe. Nette Menschen agieren dort und es war ihnen egal. Solange Schneckchen die Boote nicht ankratzt, könne sie dort leben. Unsere winzig kleine Alte, die von euch immer unterdrückt wurde. Sie hat sich ihr sicheres Paradies geschaffen, mitsamt einer eigenen Hütte. Stur wie ein großer, kluger Esel.

So ging es weiter, mit täglichem Bangen, was nun wieder kommt. Wir saßen unzählige Stunden beieinander, ohne Worte, aber miteinander. Verpflichtungen gab es für mich nicht mehr, und wenn schob ich sie beiseite, es zählte nur noch Gemeinsamkeit, auf die wir uns freuten. Als meine Mutter starb, weißt du noch? Niemand konnte besser trösten als DU.

Eines Tages wurde der leere Platz gefüllt mit Fahrzeugen, die letzte Halle  abgerissen und es kam ein Verkehr auf, der in den schlimmsten Alpträumen nicht vorstellbar gewesen war. Die Autos wurden mit Transportern gebracht und geholt. Messerscharf standen sie regelmäßig vor eurem Schlupfloch im Zaun. Mein Herz setzte oft aus, wenn ich sah, wie nah diese Ungetüme euch kamen. Die Halle war fort, somit benötigte  auch Micky einen neuen Unterschlupf. Ich baute ihm eins, kletterte abends über den Zaun und stellte gleichzeitig einen Unterschlupf für Pumuckl hin.

Es kam zu ernsthaften Gedanken, die euren Aufenthalt betraf. Knubbi mit zu mir… Knubbi mit zu mir… für Micky und Pumuckl ein neues Zuhause mit Freiheit finden… das überlegte ich stündlich und wochenlang. Ich überlegte und suchte.  Überlegte ich zu lang?  Mein Gefühl dagegen wurde von dir bestätigt, du saßest hinter dem Zaun und zähltest die Autos, warst immer auf der Hut. Es machte dir Spaß, du wolltest nirgendwo anders hin. Es ging dir gut.

Dienstag oder Mittwoch war es, nicht wahr? An einem der Tage wurden die Autos komplett weg geschafft. Auf einen Schlag, wie durch Zauberhand geregelt, war wieder Ruhe angesagt und eine ganz schlimme Zeit glücklich und heile überstanden.

Nach all der Zeit, den vielen Katastrophen die gut durchstanden worden waren…

Von Freitag auf Samstag – kein Auto, kein Zirkus, keine Bauarbeiten, keine Veränderungen – nichts. Und doch ein einzelnes Fahrzeug, was innerhalb der über zehn Jahre jederzeit hätte vorbei kommen können. Es kam am 21.02.2009.

Nun müssen wir damit leben, zurecht kommen und haben eventuell vieles falsch gemacht, doch deine verbliebenen drei Freunde sollen darunter nicht leiden. Das willst auch du nicht, bist du  doch das Oberhaupt,  immer noch ständig bei ihnen. Micky, ich nannte ihn immer den Hafenkasper, weil er dich und Pumuckl gerne ärgerte, er ist kein Kasper mehr. Ich beobachte ihn nun oft, die Sonne scheint und er sitzt auf Dir. Dort, wo du nun liegst. Micky weiß das ganz genau. Er trauert, genau wie wir.

Wir sehen uns, meine beste Freundin, und vergiss nicht: Ich liebe dich, Knubbi.

Ein Kommentar zu “Katze Knubbi

  1. Mensch Sabine, da kam mir heute die Idee, dein Blog mal von Anfang an zu durchstöbern, da ich damals doch gar nicht bei dir gelesen habe weil ich dich noch gar nicht kannte …
    Und jetzt das, da sitzt man hier im Büro am Schreibtisch und die ganze Arbeit die hier liegt und dringend erledigt werden müsste ist auf einmal sowas von sch… egal! Die Gefühle purzeln durcheinander, die Tränen stehen in den Augen und es tut weh. Ich kenne dich bis dato leider noch gar nicht persönlich, Knubbi habe ich leider nie kennenlernen dürfen … und trotzdem weiss ich wie du dich damals gefühlt haben musst. Und der Schmerz wird nie ganz vergehen, das weiss ich aus eigener Erfahrung! 😥
    Mehr Worte wären an dieser Stelle einfach nur falsch und daher lasse ich es …
    Traurige Grüße,
    Sylvia

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