Wie alles begann (Teil 1)

An meine erste Katzenfutterstelle  erinnere ich mich nur noch vage. Es war Mitte der sechziger Jahre und ich ging noch nicht zur Schule. Somit war meine bedeutsamste Aufgabe, morgens regelmäßig bei unserer Nachbarin, einer älteren Dame zu klingeln, ihr beim Kochen zuzusehen, mit ihr gemeinsam Futter in Töpfe zu füllen, sie zu begleiten und bei Sonne, Regen oder Schnee viele hungrige Mäuler zu stopfen.

Das war damals, als eine Autobahn, die heutige A 46 gebaut werden sollte und Kleingärten weichen mussten. Die ersten Maßnahmen waren bereits getroffen, unsere Straße wurde von der restlichen Welt getrennt, zu einer Sackgasse ernannt, die Kleingärtner packten ihre Siebensachen, räumten den Platz des drohenden Unheils und hinterließen ihre Gartenkatzen.

Ja, damals, das war zu der Zeit, als es noch keine Tierschutzorganisationen gab, Kastration ein Fremdwort war und wo sich etliche  Dinge wie von selbst zu erledigen schienen. Dass sich viele Dinge wie von selbst zu erledigen schienen, mag an meinem damaligen Alter gelegen haben, aber ich konnte auch Jahre danach nicht erfahren, was aus den Tieren geworden ist. Ich erntete von Erwachsenen ein jeweiliges Schulterzucken, doch dass es oft nicht besser zu handhaben ist, sollte ich rund vierzig Jahre später erkennen.

Viele Monate  bekamen diese Katzen gutes, selbst gekochtes Futter. Einige waren zahm und bekamen von uns ihren zweiten Namen. An die Anzahl oder den Zustand der zurückgelassenen Tiere erinnere ich mich nicht mehr, lediglich an den Geruch des gekochten Futters. Es roch einmalig und muss eine Mischung aus Fleisch, Brühe und Reis oder Nudeln gewesen sein. Dosenfutter gab es meines Wissens seinerzeit noch nicht. Die Tiere lebten in den hinterlassenen Gartenhäusern recht gut und für mich schien alles optimal.

Irgendwann jedoch war es soweit: Ich wurde eingeschult und die Autobahn errichtet.

Immer wieder gab es anschließend in meinem Leben Katzen, sei es als Heim, Pflege oder Fundtiere, aber 2006 wusste ich, dass es nun wieder soweit sein würde. Zurück in die Vergangenheit, als ich durch ein  Hafengebiet fuhr und nach und nach ungefähr zwölf Katzen auf einem ehemaligen Fabrikgelände entdeckte.

Arbeiter waren dabei, das Gelände, das die Größe von vier Fußballfeldern haben mag, zu planieren und zu teeren. Die eine oder andere Katze saß hinter einem Zaun, Nähe des letzten verlassenen Gebäudes, der das Gelände von einer Straße trennte.

Ich sah leere Plastikschalen hinter dem Zaun und ahnte, dass hier ein Tierfreund fütterte. Aber was sollte aus den Tieren werden, wenn ihr Aufenthaltsort, ihre Heimat beseitigt werden würde?

Sollte ich mich einmischen?

Vielleicht wurde die Versorgung und Gesunderhaltung regelmäßig organisiert?

Aber irgendwie sah es nicht danach aus, die Angelegenheit schien eher im bekannten Chaos zu versinken. Somit wandte ich mich an den dortigen Tierschutzverein und fragte, ob diese Stelle bekannt sei. Nein, diese Stelle war unbekannt und ich sollte mich mit Frau N. in Verbindung setzen, die eventuell mehr wüsste. Frau N. kannte diese Stelle ebenfalls nicht, obwohl ihr jede der unzähligen Futterstellen und deren Versorger der Stadt bekannt waren.

Wir trafen uns eines Abends dort und sie brachte gleich eine Falle mit. Unkastrierte, sich vermehrende Katzen waren ihr ein verständliches Gräuel, lebten doch Massen wilde Katzen in dieser Stadt!

Eine Industriestadt, der ich nicht ankreiden will, sie sei selber Schuld. Jedoch erkundigte ich mich im Laufe der Zeit und es scheint eine Tatsache, dass es „damals“  gang und gäbe war, sich Katzen offiziell als Mäusefänger zu halten.

Wie war das mit den Kastrationen – dem ehemaligen Fremdwort?

Eine Katze kann bis zu zwanzig Jahre und älter werden, sie wirft zweimal im Jahr zwei bis sieben Junge! Hinzu kommen die unzähligen ausgesetzten Tiere, die nach einem Umzug zurück gelassen werden!

Mittlerweile werden so genannte Schädlinge, wie Ratten und Mäuse, einfach und möglichst unauffällig mit Gift bekämpft. Verordnungen, die speziell den herstellenden Lebensmittelbereich anbelangen, verbieten den Aufenthalt von Katzen oder anderen Tieren. Doch anhand des oben genannten Beispieles ist klar, dass sich die angeschafften Katzen und deren Nachkommen im Laufe der Jahre, aufgrund neuer Verordnungen, nicht in Luft aufgelöst haben können. Das wäre natürlich eine feine Sache, aber wie wir Menschen immer wieder erkennen können – und sei es nur anhand der aktuellsten Katastrophe „Golf von Mexiko“ – verursachen wir die Schäden selber und drücken uns vor Verantwortung.

 

An diesem Abend ging sofort eine Katze in die Falle, sie war kaum aufgestellt und mit Futter gefüllt. Es war das heutige „Schneckchen“, eine alte Katze, die zum damaligen Zeitpunkt noch scheu und unnahbar war. An der Schnelligkeit, mit der dieses Tier in die Falle ging, war leicht erkennbar, wie es um die dortige Ernährung stand.
Die Katze zog sich durch ihren Versuch aus der Falle heraus zukommen eine Verletzung an der Nase zu, die heftig blutete. Ich sagte noch, leider wenig überzeugt:“ Keine Angst, alles wird gut.“

Die Katze blickte mich panisch aus großen Augen an und ich kämpfte mit den Tränen. Zuerst wurde das Umfeld, der Zustand besser, dann schlechter. „Alles wird gut“, sage ich mittlerweile zu jeder gefangenen Katze und versuche mit aller Macht, mit nun gewonnenem Wissen und jeweilig geknüpften Kontakten, dieses Versprechen einzuhalten!

Schneckchen lebt heute bei mir, aber dazu später.

Nach und nach gingen immer wieder Katzen in die Falle, wir verloren fast den Überblick. Wie viele lebten dort?

Ich hängte einen Hinweis mit Telefonnummer an den Zaun, damit sich der oder die unbekannten Versorger bitte melden sollten. Es musste eine Regelmäßigkeit, eine Organisation in dieses Ungewisse!

Frau N. brachte die gefangenen Katzen zu einem Tierarzt, der mit dem dortigen Tierschutzverein zusammen arbeitet und Kastrationen, sowie Behandlungen per Rechnung erledigt. Ich war erstaunt, wie gut organisiert solch ein Projekt umgesetzt werden kann.  Einige der Tiere waren bereits kastriert, aber leider nicht markiert. Von wem? Wer hatte sie gefangen und wieder ausgesetzt?

Eines der ewigen Geheimnisse, obwohl im Laufe der Zeit heraus kam, dass es sich um das örtliche Tierheim gehandelt haben müsste. Ein benachbarter Firmeninhaber regte sich über die „Viecher“ auf und beschwerte sich beim Tierheim. Die Mitarbeiter standen vor dem gleichen Problem, wie der Tierschutzverein anschließend: Wohin mit den Katzen?

Übrigens eine wichtige Handhabe , die jeder Tierarzt anwenden sollte. Eine kleine Kerbe ins Ohr oder eine Tätowierung, erspart  einige Mühen und überflüssige OPs.

Nur sehr selten ist Gold was glänzt, somit auch dieses Erlebnis. Wir überlegten gemeinsam hin und her, ob diese Katzen an selbiger Stelle wieder ausgesetzt werden sollten. Das Problem bleibt immer gleich: Wo können scheue Katzen anderweitig untergebracht werden? Ein weiträumiges Gelände mit Integrationsmöglichkeit, ohne Straßen in der Nähe, wäre das Optimale.

Eine „wilde“ Katze sollte, um umgesiedelt werden zu können, mindestens zwei bis drei Wochen in einer  Art Gartenlaube oder Scheune mit Fenster untergebracht werden können. Die Tiere müssen sich anhand des Fensters die Umgebung einprägen können und wissen, dass sie regelmäßig versorgt werden, ansonsten sind es bei kürzerer Dauer Glücksfälle, die es erfahrungsgemäß allerdings auch gibt.

Wenn die „gefangenen“ Katzen anschließend heraus können, werden sie weiterhin gute Mäusefänger bleiben, die  in sicherer Umgebung auch auf Krankheiten oder Verletzungen beobachtet und behandelt werden können.

Nun ist das Jahr 2010 zur Hälfte vorbei und eine derartige Möglichkeit gibt es immer noch nicht. Ich suche selber, denn nur anklagen geht nicht.

Fortsetzung folgt…

2 Kommentare zu “Wie alles begann (Teil 1)

  1. Pingback: Willkommen Filou! « Katzen-Heimat-Blog

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