Kater Roti – Geschichte von der Futterstelle

Roti, Katerchen oder auch Mikesch genannt, lebte an beschriebener Vorzeigefutterstelle.  Niemand konnte sagen, wie alt er war oder wie er dort hinkam. War er ebenfalls auf dem ehemaligen Bauernhof geboren worden oder vor Jahren zugewandert?

Die Antwort kannte nur er.

Als ich Katerchen kennen lernte, saß er wie so oft auf seinem Gartenhausdach, einem umgebauten Container, der bisher Menschen geruhsame Stunden ermöglicht hatte. Der Container war noch nicht entfernt worden, nachdem die Kleingärtner das Feld räumen mussten. Katerchen erwählte ihn zu seinem Zuhause, da er mit den anderen Artgenossen nichts zutun haben  wollte. Er war ein scheuer, misstrauischer Einzelgänger, der seine Ruhe haben wollte, und oft sah man ihn schlafend in der Sonne liegen. Da an diesem Gartenhaus ein Wanderweg entlang führt, kannten ihn viele Spaziergänger und Katerchen war berühmt, wie ein roter Kater in solch kleiner Welt nur sein kann. Einige brachten ihm Futter mit, das sie an den Eingang zum ehemaligen Kleingarten stellten, andere waren einfach nur beruhigt, wenn Roti wie  eine Koryphäe  anwesend war und weil sich die hektische Zeit dadurch nicht zu ändern schien.

Was viele genauso hinnahmen war, dass Katerchen um sein Leben kämpfte.

Ich sah ihn auf dem Dach sitzen, mit zusammen gekniffenen Augen, die halb bedeckt von seiner Nickhaut wurden, wie er nach Luft rang und  wie sein Röcheln  bereits auf zehn Meter Entfernung zu hören war. Sein linkes Ohr war verstümmelt und wenn er den Kopf schüttelte, hörte man, dass sich Flüssigkeit darin befinden musste. Sein Fell war mehr oder weniger verflilzt, was auf ein hohes Alter schließen ließ und eventuell auf Krankheit, somit keine Kraft, kein Interesse sich der Fellpflege zu widmen.

Da ich  mich aus einem anderen Grund mit Mitgliedern des dortigen Tierschutzvereines treffen musste, fragte ich gleichzeitig, woran dieser Kater leidet. Das konnte niemand beantworten, und mit diesen Beschwerden würde er bereits um die fünf Jahre zurecht kommen. Das wäre jetzt noch gar nichts, das müsse ich erst einmal im Winter erleben! Aber die Natur würde es schon richten.

Ich staunte nicht schlecht, ob dieser Ansichtsweise…

Die Natur würde es richten, wohl wahr, aber nur wenn ein Lebewesen in dem Moment keine Nahrung  finden würde. Katerchen war nicht mehr fähig auch nur eine Maus zu fangen, doch er wurde von Menschen gefüttert. Zwar mehr schlecht als recht, aber Katerchen überlebte.

Warum brachte man ihn nicht zu einem Tierarzt?

„Weil er einen Einfang nicht überleben würde.“

Warum ging ein bekannter Tierarzt nicht mal dort spazieren und machte freundlicherweise eine Ferndiagnose?

„Das macht keiner.“

Aha…

Ich bekam das Bild dieses armseligen und doch so stolzen Tieres nicht aus dem Kopf und fragte hin und her, doch erntete ich lediglich Schulterzucken.

Nach Erklärung der Symptome wiegte auch mein Tierarzt seinen Kopf hin und her.

„Schwer zu sagen“, meinte er, „da es auch Asthma sein kann, worunter dieses Tier leidet. Herbringen wäre am besten, aber schon klar, es wäre sinnlos, da ein Einfang Stress bedeutet und die  Atemlosigkeit zu gänzlichem Stillstand führen könnte. Verschlechtern kann man nicht. Es könnte auch eine chronische Bronchitis sein, wegen Flüssigkeitsansammlung im Ohr, also probieren sie Cleorobe. Ein lösendes, befreiendes und schmerzlinderndes Mittel, das auch in der menschlichen Zahnheilkunde erfolgreich angewendet wird.“

Und somit nahm ich sechzehn Kapseln mit, die einmal am Tag verabreicht werden sollten.

Ich richtete es ein, täglich bei Katerchen vorbei sehen zu können und ihn zu füttern. Er liebte Fisch, was ein gutes Zeichen für Medikamente bedeutet, da speziell Sardinen jeden Beigeschmack übertünchen. Nachdem er die Zeiten kannte, war er es gewohnt und freute sich. Er röchelte und rieb seinen Kopf  am Zaun, an Holz, auf seiner kleinen Brücke, auf der er entlang ging und von dort aus auf das Gartenhaus springen konnte. Das alles schaffte er noch, auch Eindringlingen konnte er noch zeigen, wer der Herr im Revier ist.

Somit machten wir uns ans Werk, Katerchen und ich. Eine Kapsel täglich wurde geöffnet und der wertvolle, bittere Inhalt auf den ersten Teil eines schmackhaften Futters oder in geliebte Katzenmilch  gestreut, untergemengt und von weitem gereicht. Er brauchte Abstand, niemand durfte im zu nahe treten, und sobald Katerchen diese kleine Menge geschluckt hatte, gab es Nachschub ohne bitteren Beigeschmack.

Er war  Genügsamkeit gewohnt und somit wurden unsere Zeiten zu Highlights. Anfangs, nach ungefähr sechs Kapseln,  war ich verzweifelt, denn es gab Tage an denen Katerchen vor lauter Husten und Keuchen nichts zu sich nehmen konnte. Es tat in der Seele weh und ich fragte mich, wie manch Tierschützer bereits Jahre zusehen konnten, ohne sich zu bewegen und ohne zumindest zu versuchen eine Linderung zu schaffen.

An solchen Tagen musste halt abends noch einmal versucht werden und auch das funktionierte. Zwar lag Katerchen dann  schon oft in seiner Styroporkiste und wurde durch mein Auftauchen heraus gescheucht, aber er rannte nicht davon, sondern  schien zu spüren, dass ihm geholfen wird  und probierte und schluckte seine Medizin.

Sechzehn Tage, sechzehn  Mal Pünktlichkeit und es wurde belohnt! Nicht von jetzt auf gleich, aber nach einer Woche ohne Medikament konnte Katerchen tatsächlich freier atmen, an vielen Tagen völlig ohne Nebengeräusche, nur bei Regen zeigte er Rückfälle. Diese „Kur“ konnte ihn nicht heilen, aber sie schaffte  Erleichterung und somit ein entspannteres Leben. Die Gabe wurde von nun an  in jedem Oktober wiederholt, wobei mir die tägliche Versorgerin bei den nächsten Verabreichungen zuverlässig half.

Winter 2008/2009, wirklich zwei harte Winter mit  lang andauernder Kälte.  Katerchen steckte sie  locker weg, zumal er in seinem eigenen Gartenhaus, was wir inzwischen einfach geöffnet hatten, nun auch Strohballen, Decken und  Unterschlupf  nutzen konnte. Und das tat er, denn  so wild er auch schien, so sehr liebte er die angenehmen Dinge. Im Laufe der Zeit wurde Roti mit staunender Aufmerksamkeit bedacht, von einigen, die ihn bereits abgeschrieben hatten.

Im Juli 2010 war es, als der Hund eines  Spaziergängers ihn fand. Auf Katerchens großer, weiter,  wild bewachsener Lieblingswiese, wo er ebenfalls oft in der Sonne saß. Nachdem er zwei Wochen lang vermisst wurde, während einer extremen Hitze.

Ich hoffe, die Natur konnte es ohne Schmerzen richten.

Mach es gut, und bis dann, mein bemerkenswerter Kämpfer

Sabine

Ein Kommentar zu “Kater Roti – Geschichte von der Futterstelle

  1. 😥

    Wenn Du nicht gewesen wärst … nein, ich möchte es mir gar nicht vorstellen!
    Wie kann es sein, dass solche „Menschen“ sich „Tierschützer“ nennen? 😦
    Das kann doch alles nicht wahr sein! Kein Mensch, der Tiere liebt würde solche Krankheitsanzeichn ignorieren, und das auch noch über Jahre … sieht man ja (wie immer!) an dir!

    Es ist unglaublich, dass dieser scheue Kater Cleorobe genommen hat. Das Zeug hat mein Pascha (als er noch klein war) monatelang nehmen müssen und da ich alles probiere, was ich meinen Tigern geben muss, kann ich nur sagen wiiiiiiderlich! Das Zeug ist sowas von bitter und hat einen Nachgeschmack, unglaublich! Pascha bekam es immer in Sahne, da diese den bitteren Geschmack mindert.

    Sabine, ich kann mich nur wiederholen, es ist schlichtweg unglaublich, was du leistest!

    Liebe Grüße,
    Sylvia

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